Dienstag, 6. März 2018

Klippen

Morgens liegt Tau auf der Wiese vorm Haus und es ist kühl, auch wenn die Sonne scheint. Überall drücken sich Pilze aus dem Boden. Da kein Wind weht, sind die Vögel überaus aktiv, von überall her höre ich das Pfeifen, Kreischen, Kollern, Tschilpen und Keckern.
Ich ging nach dem Frühstück zu S hoch, der auf seinem Dach stand und das oberste Fenster strich. Da es zur Wetterseite zeigt, war es in einem schlimmen Zustand, er hätte es komplett auswechseln müssen, wenn er es jetzt nicht endlich gestrichen hätte. Dieses Haus ist ein niemals endender Auftraggeber – überall müssen Dinge nicht nur fertiggemacht, sondern die fertigen müssen schon wieder erneuert werden. S behält die Ruhe.
Ich legte mich auf die Terrasse und hörte den Vögeln zu. „Wenn du einen Tee willst, mach dir einen!“ rief S, aber ich wollte nicht. Es ist ein guter Ort, um rumzuliegen, in den Himmel zu schauen und den Vögeln zuzuhören.
Als er fertig war, machte er Tee. Er war ja am Sonntag in Hobart gewesen, um den Film über die Verbrennung der Frau seines japanischen Freundes anzuschauen, die an Krebs gestorben war. Mir war das gar nicht so klar, aber es ist tatsächlich so gelaufen, dass der Japaner mit Freunden den Leichnam aus dem Krankenhaus nach Haus geholt hat, dann haben sie ein großes Feuer gemacht und die Frau verbrannt, der Japaner und ca. zwanzig, dreißig Freundinnen und Freunde. Es dauerte ewig, ich glaube letzten Endes mehr als vierundzwanzig Stunden. Es spielten zwei Frauen Geige und Cello. Sie lag nicht ruhig und feierlich da, sondern der Körper wand sich in den Flammen, reckte Gliedmaßen hoch und stank, für viele war das doch eine ziemlich entsetzliche Erfahrung, hatte S im Nachhinein gehört. Er selbst ist nicht dabei gewesen. Und dann wurde die Asche verstreut und die restlichen Knochen hatte sein Freund in diesen Kästen in seinem Haus, wo er ein Trauerjahr mit verbrachte.
Der Film musste aber wirklich gut gemacht gewesen sein, der Filmemacher will ihn jetzt noch irgendwie vermarkten.

Wir machten dann am Nachmittag einen Walk zusammen hier in den Klippen. Das war wirklich wunderbar: in der Bucht neben unserem Strand, wo ich früher auch schon mal gewesen war, aber nur von oben runtergeschaut hatte, ist ein riesiges Durcheinander von Felsen und abgebrochenem Gestein. Wir stiegen ganz runter und gingen an der, von Wind und Wasser ausgehöhlten und verformten Steilwand entlang, bis es nicht mehr weiterging. Unter uns kochte wild und ungebärdig das Wasser in den Felsen, dabei war grade Ebbe, bei Flut muss dort die Hölle los sein. Hier trifft das Meer ohne irgendeine Unterbrechung durch Landmassen mit voller Wucht auf die Küste. Das dunkle, schwere Knallen kann man manchmal hören, wenn man am Roaring Beach ist, das ist ein ganz spezielles Geräusch, nicht zu vergleichen mit dem Dröhnen, das dort die Wellen machen. Es war aufregend, in diesem wilden steinernen Szenarium zu stehen, das Wasser hochpeitschen und um die Felsen kochen zu sehen.




















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Tapferer kleiner Baum.

Dann stiegen wir die Klippen wieder hinauf und weiter hoch auf den Berg, dort, wo ich schon mal gescheitert war am dichten Gestrüpp. S kannte sich aber aus und drückte sich überall durch und ich hinterher. Wir landeten genau auf dem Grundstück von seinem Bruder, das er dort oben gekauft hat, um sich dort mal ein Atelier mit großen Glasfenstern zum Malen zu bauen. Schafft er natürlich nicht, bislang steht dort nur eine Blechhütte, kärglich ausgestattet mit einem Bett und einem Tisch und Stuhl.
Wir standen lange und schauten über die Berge, den Strand, das Tal. S kennt dort jedes Haus, an den meisten hat er mitgebaut, viele Bäume hat er gepflanzt, viele Wege angelegt, in seinem Gedächtnis ist die gesamte Roaring-Beach-Chronik vergraben. Sein ganzes Leben hat er, mit Unterbrechungen (ein halbes Jahr für einen Job in Alice Springs und sowas), hier verbracht, seit er 20 ist. Es müssen hier damals wilde Zeiten gewesen sein, in den 80-igern, wo die Aussteiger hier noch unter sich waren.







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