Mittwoch, 25. Oktober 2017

Regen

11:10 Uhr


Ein Regentag! Ich wachte früh auf und richtete mich mit meiner Bücherkiste auf dem Bett oben ein, mit Blick über die regenverschleierten Wälder. Nachdem ich alles nach oben geschleppt und aus dem Sitzsack eine optimale Rückenlehne konstruiert hatte bekam ich Hunger und frühstückte. Dann wurde ich so müde, dass ich den Sitzsack wieder runterstieß und erstmal ruhte. Nach zwei Stunden Tiefschlaf wachte ich auf, weil eine Wespe sich ins Zimmer verirrt hatte.
Ich zog mich an und nutzte eine Regenpause, um hoch zu S. zu gehen. Er werkelte in seiner Werkstatt an zwei Boxen, weil er sich dort Musik einrichten will.
Ich fragte ihn nach der Hütte mit dem Geschirr da unten. Er erzählte ein bisschen von der Geschichte des Tals: nach dem ersten Weltkrieg schenkte die britische Regierung vielen Soldaten Buschland, damit sie es roden und Schafzucht betreiben. Hier auf dem Hügel liegt noch ein alter Zaun aus dieser Zeit, habe ich gesehen. Es war aber so ein mühsames und wenig einbringendes Geschäft, dass die meisten wieder aufgaben.
S. wollte in den 80-igern hier eine Kommune gründen, kaufte Land, das total billig zu haben war, und baute ein Haus. Das mit der Kommune zerschlug sich, er zog dann an den Platz hier und baute neu. Es kamen noch ca. zehn weitere Parteien und bauten Häuser hier im Tal, bzw. auf den Bergen, wobei sie sich gegenseitig halfen. Und jeden Sonntag trafen sie sich unten zum Barbeque und Volleyballspielen, teilweise waren es an die dreißig Erwachsene und dreißig Kinder. Das ging ca. zehn Jahre lang, dann zogen viele weg, wegen der Kinder. Jetzt leben nur noch drei oder vier Leute fest hier, die anderen Häuser sind nur fürs Wochenende oder Ferien. Es gibt nur noch wenig Kontakte untereinander – man grüßt sich beim Vorbeifahren, alles seien so busy, aber mit Einigen von früher ist er noch gut befreundet.
Der andere Garten den ich gesehen hatte – das war sein erster Versuch, dort hatte er Obstbäume. Aber es gelang den Kaninchen einzudringen und die Bäume zu töten. Er legte dann den jetzigen Garten an – mit Kaninchen-sicherem Zaun und mehr in der Mitte der Ebene, wo die Erde besser ist. Er hatte dort Bäume als Windschutz gepflanzt, so dass das ging, denn es war ursprünglich nicht möglich, weil der Wind vom Meer so reinfegt in das Tal.
In S.s Werkstatt hängt unter der Decke ein Ruderboot, ein kleines, weißes Schmuckstück. Ich schaute es mir an und er sagte: „I've built it.“ Ich konnte es nicht fassen! So ein richtiges altmodisches Ruderboot, die Wände mit übereinandergesetzten, gebogenen Brettern. Ich werde Fotos machen! Er sagte, er hätte Bücher benutzt und Leute gefragt und fast zwei Jahre lang gebaut. Er zeigte mir die Formen, die er benutzt hatte, das Holz und erklärte, wie er es mit großer Hitze gebogen und miteinander verbunden hat. Ich habe den Eindruck, er steckt seine ganze Lebensenergie darein, Dinge aus Holz auszutüfteln und zu bauen.
Leider darf man Australiern keine persönlichen Fragen stellen, sonst hätte ich ihn schon ausgequetscht über sein Leben. Ich fragte nur, ob er aus Hobart sei, da guckte er schon etwas erschrocken. Wahrscheinlich war das schon sehr persönlich. Er hat einen Bruder, der Philosophie studiert hat und eine Schwester, das hat er mal von selbst erwähnt.
Als ich fragte, wann der verdammte Wassertankfahrer endlich käme, wusste er es nicht. Ich klagte meine Sorgen wegen der Begegnung mit dem Laster auf der schmalen Strecke hier und er lachte: ich solle einfach aussteigen und dem Lastwagenfahrer sagen, er soll mein Auto rückwärts wegfahren. Kein ganz unrealistisches Szenario.
Jetzt sitze ich trotz Regen auf der Terrasse und schaue auf mein schönes Vogelbad. Es steht noch tadellos. Wahrscheinlich haben die Vögel die ganze Nacht heimlich darin gebadet.

Winzig kleine Zähne.

Äfpel dörren und Sonnenblumenkerne rösten.

Lavendel trocknen.
Lampenschirm. Phase 2.
Handwerkszeug.
Nützliche, kleine Holzstücke.
Schubkarre!
Vogelbad. Phase 2.

21.50 Uhr.
Das Regenwetter treibt mich zu Höchstleistungen – die erste Seite des Lampenschirms ist fertig, der Garten fast ausgeräumt und das Vogelbad hat ein eine komplette Überholung in Sachen Architektur und Design bekommen, es ist jetzt fertig, bis auf die Schale, die ich in Hobart noch besorgen muss. Ein Blutegel hangelte sich hilflos an meiner Hose hoch und wurde weit in den Wald geschleudert. Genauso energisch vertrieb ich das Opossum, das in der Dämmerung an der hinteren Tür rumlungerte – wo es vor die Schwelle zu scheißen pflegt, das kleine Luder. Außerdem habe ich das erste Mal die Akkus vom Fotoapparat geladen, was wieder eine andere Ladestation ist, wo man Kabel anschließen muss an eine Riesenbatterie und dann sprüht die Funken und man darf sich nicht aufregen darüber, denn das ist normal.
Morgen nach Hobart, das erste Mal allein. Und das zweite Mal überhaupt. Wie soll das gutgehen?

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