Montag, 18. Dezember 2017

Parallelaktion

Heute war ein ungewöhnlich klarer Tag, nach dem eher gewittrigem, unruhigem Wetter die Tage zuvor. Die Sonne strahlte, eine kühle Brise ging und alle Blätter glänzten grün wie anlackiert. Ich begann eine Parallelaktion: ich zog die, in ungeordneten Haufen gelagerten abgesägten Äste unter den Bäumen am Outsleeper hoch zur Werkstatt, um sie dort zu zerlegen. Es ist gutes Holz, es brennt sehr heiß, sagte S., und wenn man es zerbricht, duftet es wunderbar. Ich mache aus den kleinen Ästen Bündel als Anmachholz, die mittleren Stücke säge ich mit der Kreissäge klein und staple an der Werkstatt und die dicken Teile sammle ich am Holzplatz für die Zeit, wenn ich mal wieder eine vernünftige Kette in meiner Monstersäge habe. Ich lebe hier einen Ordnungswahn aus in seiner aller-allerschönsten Form: es ist nützlich, es ist unkompliziert und irgendwann, wenn der Sturm ums Haus dröhnt und der Regen dagegen peitscht und wenn die Kälte durch alle Ritzen zieht, dann werde ich am Morgen mit einem Griff so ein Bündel dünner Zweige packen, ich werde eine Handvoll mittlerer Äste und ein paar dicke Stücke einpacken und den Ofen bestücken, in genau dieser Reihenfolge. Und innerhalb von Minuten wird ein helles Feuer prasseln im Ofen und der Wasserkessel wird pfeifen noch ehe ich die Zähne fertig geputzt habe und alles wird gut.





Parallel dazu dann der Klapptisch für den Outsleeper: ein paar leichte Nut- und Federbretter zurechtsägen, mit zwei Latten zu einer Platte verschrauben, die Scharniere anbringen, eine Halterung fürs Tischbein – so ging es dahin. Es gab einen furchtbaren Moment, als ich die Platte schon an der Wand festgeschraubt hatte und plötzlich sah, dass sie, wenn ich sie runterklappen würde, sehr wahrscheinlich zu lang wäre und zu niedrig angebracht, um zu hängen. Das sind die Dinge, die hier mein täglich Brot sind: Schrauben, die zu dick sind, hängenbleiben und deren Kopf ich dann durchnudle. Bohrer, die abbrechen. Bohrmaschinen, deren Akkus im entscheidenden Moment weinerlich wimmernd ihren Geist aushauchen. Scharniere, die ich umgekehrt anbringe. Nägel, die durch die Terrassenritzen fallen. Zangen, die nicht mehr auffindbar sind. Mehr fällt mir im Augenblick nicht ein, aber die Liste ist deutlich länger. Jetzt also diese Prüfung: ich nahm das Stützbein weg und … die Tischplatte klappte tadellos runter, EINEN MILLIMETER über dem Boden. Mann! Für dieses Leben braucht man Nerven wie Stahlseile.



Später ging ich mit meinem Faulkner zum Meer. Ich lese grade „Die Stadt“. Man muss sich auf Faulkner sehr konzentrieren, merke ich, ihn so stückchenweise zu lesen, wie ich es grade tue, geht eigentlich nicht. Er entfaltet einen Furor, eine Dynamik in seinen Geschichten – da muss man aufspringen und sich mitreißen lassen (ich könnte angemessenerweise auch sagen: man muss ihn surfen), 'ein bisschen Faulkner' geht nicht, entweder ganz oder garnicht. Er geht dabei ganz einfach, fast listig vor, indem er einen erstmal mit harmlosen Banalitäten einnebelt: Alltagskram, endlose Gespräche von den Protagonisten über immer dieselben Themen, häufig werden Sachen wiederholt (so in der Art: „Er kommt morgen in die Stadt.“ „Morgen?“ „Ja, morgen.“ „So, er kommt also in die Stadt.“ „Ja. Morgen, habe ich gehört.“), es plätschert so dahin. Das ist der Moment, wo man nicht abschweifen darf mit den Gedanken und den echten Surfen zusehen, denn unversehens baut sich hinter einem eine enorme Welle auf. Man schaut sich um, erschrickt und muss hastig auf das Board springen und dann – Faulkner! Er entfesselt Weltmeere, das sind Wellen... da träumen die Surfer hier von. Das Leben plätschert vielleicht so dahin, aber DARUNTER, da sind Strömungen, die alles mitreißen können und der Faulkner hatte Zugang dazu. Der wusste, wovon er schrieb.


Viel Verkehr.
Am Abend setzte ich mich mit meinem Notebook an den neuen Tisch. Ich habe nun eine zweite Terrasse dazugewonnen, denn hierher scheint die Abendsonne und wenn sie weg ist, bleibt es ja noch ewig hell.

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