Ich bin erschüttert, total und bis tief in meine Grundfesten, die ja nun schon einigen Erschütterungen ausgesetzt worden sind, aber noch nie einer wie dieser. Ich habe ein Loch in das Abflussrohr der Küche gehackt. Was für ein Alptraum! Ich hackte Büschel aus, am Outsleeper und hörte plötzlich dieses Geräusch. Das war nicht das übliche dumpf-feuchte Grunzen der Erde, mit dem diese auf die Spitzhacke reagiert, das war ein hellerer Ton, ein unheilverkündender Ton. Vorsichtig trug ich die Erde ab, mit ganz flachen Schlägen der Hacke. Und ich stieß auf etwas Weißes und es war aus Plastik und es war ein Rohr und es hatte ein Loch. Das Loch hatte ich da reingehackt.
Ich verbrachte gefühlte Stunden damit, erstmal die Funktion dieses Rohrs zu erkunden: schüttete einen Eimer Wasser in die Badewanne: rannte runter und schaut in das Loch. Nichts passierte, dann sah ich das Wasser aus dem anderen, dem dicken Rohr kommen und in mein Regenrinnenabwasserkanal verschwinden. Ich probierte es mit der Waschmaschine: dasselbe. Ich bekam Hoffnung: vielleicht war dies ein totes, ein nutzloses Rohr das niemand mehr brauchte. Aber es lag in einem schrägen Winkel und der Winkel wies aufs Haus. Die Küche? Ich stürzte einen Eimer Wasser ins Abwaschbecken, rannte runter, hörte schon ein Geräusch und tatsächlich – da kam das Wasser. Weil das Haus Stück für Stück gebaut wurde, sind auch die Rohre Stück für Stück verlegt worden, das war mein Verhängnis. Ich hatte mit diesem Rohr nicht gerechnet, nicht an dieser Stelle.
Das Wasser floß langsam durch, ohne Druck, es ist nicht viel Gefälle in dem Rohr. Aber das Loch musste geschlossen werden, sonst würden Wurzeln reinwachsen und Tiere reinkriechen und irgendwann wäre der Abfluss verstopft. Bei dem Versuch, vorsichtig um die verwundete Stelle die Erde zu entfernen bin ich schier verzweifelt. Diese Erde ist einfach purer Lehm, durchmischt mit Wurzeln. Ich mühte mich und wühlte und grub und hackte und schaufelte, aber erst nach einer Pause, in der ich zum Meer ging um einen Notruf an H. abzusetzen, gelang es mir, die Stelle rundherum freizulegen. Ab da gewann ich meine Fassung zurück. Ich schnitt aus einem Joghurtbecher ein passendes Stück aus, legte es über das Loch und band es fest. Sehr fest. Wenn die Sache trocken ist und sauber, werde ich noch Klebeband drummachen. Vielleicht reicht das sogar, vielleicht muss man nicht mehr machen. Mal sehen, was H. sagt. Auf jeden Fall lasse ich die Stelle offen, damit man sie beobachten und Wurzelangriffe abwehren kann.
Später:
Was ist nur los heute – ich hätte heute morgen nicht aufstehen sollen. Es ist SCHON WIEDER was passiert. Ich habe die Kamera kaputt gemacht. Ich bin völlig am Boden zerstört. Ich habe schon gemerkt gestern, dass sie teilweise nicht mehr scharfgestellt hat, aber habe nicht drüber nachgedacht. Heute war es dann klar: sie kann das Objektiv nicht mehr bewegen, d.h. weder zoomen noch scharfstellen. Und als ich den Filter vorne abschrauben wollte weil ich dachte, vielleicht stimmt mit dem was nicht, ging der äußere Rand des Objektivs ab, an dem er aufsitzt. Ich fühlte mich wie in einem Alptraum. Ich begreife nicht, was vorgeht. Ob da Sand reingekommen ist? Ob sie einen Schlag abbekommen hat? Aber ich habe nichts mitgekriegt, das hätte ich doch gemerkt. Habe wieder eine Katastrophen-SMS an H. geschickt, der noch nichtmal auf die wegen dem Rohr geantwortet hatte und mich auf die Bank gesetzt. Die Sonne schien, kein Wind, wieder verließ ein Kreuzfahrtschiff die Insel. Alles war so friedlich wie immer. Ich beruhigte mich langsam, aber es fällt mir sehr, sehr schwer. Es ist nur GELD. Ich kaufe eine neue Kamera, diese kann man vielleicht reparieren lassen und das Rohr ist kein Drama, das kriegen wir schon abgedichtet oder erneuert. Für alles gibt es eine Lösung. Sage ich mir, aber glaube ich es?





