Donnerstag, 15. Februar 2018

Geschichten

Heute begann der Tag regnerisch, was überhaupt nichts heißt hier in Tasmanien, und in Roaring Beach sowieso nicht. Normalerweise. Aber an diesem Tag, da hatten wir wirklich und wahrhaftig Regen: Platzregen, Starkregen, donnernder, ausdauernder, wütender Dauerregen. Ich hörte das Wasser durch die Dachrinnen und die Auffangrohre rauschen, während ich mich mit meinen Büchern oben auf dem Bett einrichtete. Der Wind kam vom Norden und trieb den Regen in schnellen Böen durch das Tal.





 
Am späten Vormittag hörte der Sturm auf. Ich saß grade unten auf dem Sofa und übte mich darin, mein Denken abzustellen, als S mit einer Dose voll Kuchen, einem Korb mit Tomaten und einem Regenschirm auf der Terrasse eintraf. Sofort wurde mein Denken reaktiviert und richtete sich auf die Dose mit dem Kuchen. S war natürlich gut erzogen genug, mir den größeren Anteil zu überlassen. Wir saßen bis zum Nachmittag in der Küche und S erzählte aus seinem Leben, was immer sehr spannend ist, weil er so anschaulich erzählt. Vor allem ist er durch meine Sprachbarriere gezwungen, vieles mit Gesten auszudrücken, was ihm viel Spaß macht.

Der Sturm heute Vormittag sei hier bei uns glimpflich abgegangen, sagte er, wir seien hier noch die sicherste Zone von Tasmanien gewesen – der Norden sei schlimm betroffen: tausende Haushalte ohne Strom und hohe Windgeschwindigkeiten. Sogar Nubeena war zur Zeit ohne Strom, weil es den von Hobart kriegt und das letzte Glied einer fragilen Kette ist. In den letzten sechs Wochen ist es schon zwölf Mal ohne Strom gewesen. Die Regierung hat die Stromkonzerne gezwungen, den Leuten ab einer halben Stunde Stromausfall 80 $ zu zahlen. Viele Leute in Nubeena finanzieren sich mit den Ausfällen ihre gesamte Stromrechnung. In der Nacht erwartet S eine Kaltfront (18 Grad), die in höheren Lagen als Schnee niederkommen würde, alle Bushwalker sind gewarnt worden.

Wir sprachen über Farmen in Tasmanien – es gibt hier tatsächliche viele Farmer. Sie haben es nicht leicht, aber da sie die Farmen meist geerbt, also keine Kredite am Hals haben, kommen sie über die Runden. Es gibt auch einige richtig große Farmen mit regelrechten Herrenhäusern im Kolonialstil, aber die sieht man nicht von der Straße. Sie verdienen gutes Geld mit Wolle, denn je trockener das Land ist, d.h. desto schwerer es die Schafe habe, desto feiner ist ihre Wolle.

Die Regierung hat dann ein Programm entwickelt, wie sie Wasser aus den regenreichen Bergen im Zentrum runterleiten in die trockenen Ebenen, die im „Regenschatten“ liegen. Dadurch können die Farmer dort dann Obst und sowas anbauen und sind nicht nur auf Schafe angewiesen.

Dann erzählte S, wie er neulich in Hobart bei Bunnings war, einem großen Baumarkt. Sie hätten dort richtig gute Musik gehabt, nicht einfach so einen nervigen Radio-Werbe-Sender, und die jungen Verkäufer hätten immer mal ein paar Tanzschritte dazu eingelegt, was eine schöne, entspannte Atmosphäre machte. Er hätte ewig gebraucht, sich Glühbirnen auszusuchen, weil er nicht welche mit unterschiedlichen Zahlen (?) haben wollte und die Verkäuferin, die er wegen Wandfarbe gefragte hatte, kam irgendwann wieder vorbei und sagte überrascht: „Sind Sie immer noch hier?!“, aber er hatte da eine richtig gute Zeit, in diesem Baumarkt. Da will ich auch mal hin.

In der Highschool gehörten er und ein Zweiter zu den Besten, d.h.sie hatten in jedem der zehn Fächer die volle Punktzahl. Er musste sich dafür von seinen Freunden viel hänseln lassen, aber sein bester Freund war der größte Junge der ganzen Schule, er überragte einfach alle, darum war S gut beschützt.
Diesen wunderbaren Krug hat er im Töpferkurs gemacht, das finde ich schon erstaunlich, für so einen Schuljungen.


Weil ich mich so mit Kuchen vollgestopft hatte, den übrigens K gemacht hatte, die nette Frau aus der Nachbarschaft, die ich immer noch nicht besucht habe - nachdem ich also kein Bedürfnis nach einem Mittagessen hatte, geriet ich etwas aus dem Gleis, ich muss mir Bewegung verschaffen. Ich ging zum Meer, wo ein richtig, richtig heftiger Wind mich quasi in die Dünen drücken wollte. Ich ging trotzdem den Strand lang und überlegte, ob ich zurück wohl würde kriechen müssen, aber es ging dann doch mit dem aufrechten Gang. Dass ich heute nicht ins Wasser musste, war ja klar. Ein Glück. Die Vögel kämpften heftig mit dem Wind, besonders der Kormoran, den ich aufscheuchte, kam und kam nicht vorwärts und wurde fast in die Klippe geschleudert.







Was Wasser und Wind in den Sand malen.


















Steinchen mit Windschatten.




Der Rest des Tages verging mit Wetterdramen: ein knallblauer Himmel wurde in Minuten mit dicken grauen Regenwolken überzogen, während der Regen niederrauschte, schien schon wieder die Sonne, die Bäume bogen sich im Wind, mal in die eine, dann in die andere Richtung, kein Tier war weit und breit zu sehen oder zu hören und immer wieder wölbte sich tröstend ein Regenbogen über das Tal . Ich fütterte den Ofen mit dicken Holzklötzen, der Kessel summte den ganzen Tag und gleich lege ich mich in die Badewanne.



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