Donnerstag, 1. Februar 2018

S2

Ein schöner Tag! Ein Wechsel aus windig und windstill, ein bisschen Sonne, meist wolkig. Ich vertiefte mich wieder ins Tao. Das soll man ja beim Alltag praktizieren, aber beim Essenvorbereiten habe ich mich sofort geschnitten! Obwohl ich während des Schneidens im Tao-Zustand war! Und ich schneide mich normalerweise nie. Das hat mich erschüttert. Irgendwas stimmt mit meinem Tao-Zustand nicht.






Am Nachmittag bin ich hoch auf den Berg, um nochmal den alten Baum anzuschauen. Am Weg saß einer dieser Igel mit der langen Nase und grub in der Erde. Er hat ganz breite Pfoten auf denen er sich, hin-und herschaukelnd wie ein kleines Möbelstück, vorwärtsbewegt. Total süß. Ich näherte mich langsam. Sobald er mich bemerkte erstarrte er, drückte sich blitzartig zusammen zu einer Kugel und grub den Kopf so tief wie möglich unter sich in den sandigen Boden. Ich hockte mich in zwei, drei Metern Entfernung hin und beobachtete ihn. Langsam zog er den Kopf heraus und schaute mich an – seine Augen zwinkerten in seinem völlig versandetem Gesichtchen und der Sand rieselte dabei leise zu Boden, seine kleine Nase schnuffelte vorsichtig. Er blieb sitzen und wartete, was ich machen würde. Als ich weiterging grub er sich hastig wieder ein.






Ich fand den alten Baum, er ist einfach wunderbar. Ich werde mal mit einer Schnur hochgehen und seinen Umfang messen. Ein mächtiger Stamm teilt sich relativ kurz über dem Boden in zwei riesige Arme und ein bewegte Leben erzwang viele komplizierte Verästelungen und Abzweigungen in die Höhe und zu den Seiten, so dass man kaum diesen ganzen Baum-Kontinent mit einem Blick erfassen kann. Wenn er mal fällt, dann bekommt das ganze Tal das mit.
Ich stieg dann weiter den Berg hoch. Ein Adler überflog mich nah – sie fliegen majestätisch und mit ganz weichen Flügelschlägen. Oben auf der Kuppe war tatsächlich, wie S. gesagt hatte, eine kleine Ebene, auf der überhaupt nichts wuchs. Zwischen den Bäumen drumherum kann man von dort weit über die Peninsula und rüber zum Festland schauen, auf den Mount Wellington und Bruny Island.




Alter Baum.











Als ich wieder hier war nahm ich ein heißes Bad, ich hatte ja den ganzen Tag den Ofen an gehabt. Grade als ich fertig mit dem Abwasch war kam S.2, der deutsche Surfer vom Berg gegenüber, zu Besuch, blieb den Abend da und erzählte mir, wie er hier hergeraten war.
Er war, da er gleich nach dem Abi zum Surfen gekommen war, schon immer viel in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Tasmanien gehört, da es so abgelegen ist und sich die Wellen lange aufbauen können, zu den Top 3 der Surf-Regionen der Welt, war aber irgendwie nie erwähnt in den einschlägigen Magazinen. Er ist dann mit einem Fotografen-Freund hierher im Auftrag einer Zeitung, um darüber zu schreiben. Später kam er nochmal allein zurück, um sich in Ruhe umzuschauen. Er lebte dann eine zeitlang in der völligen Einöde bei einem Freak, bei dem sich wohl ständig etliche Weltenbummler versammelten.  Der konnte schmieden und hatte den Film „Braveheart“ mit diesen altertümlich Waffen ausgestattet. Er sammelte tote Tiere von den Straßen, gerbte die Felle in Ameisenhaufen, alles ganz altertümlich, aber er muss sehr gut gewesen sein. Später zog er nach Ibizza und arbeitete als Clown. Bei diesem Typ bekam S2 mit, dass das Nachbargrundstück billig verkauft wurde und er kaufte es für 15.000 $, glaube ich. Die Bedingung war, dass er innerhalb von zwei Jahren dort 8.000 $ für Erschließungen investiert. Er baute dort eine Hütte – er hatte nämlich in Deutschland noch eine Schreinerlehre gemacht und hatte an vielen Hausbauten mitgewirkt, er konnte sogar betonieren.
Sein Status war so, dass er drei Monate im Jahr im Land sein durfte und die verbrachte er dann immer hier. Später hat er dann ganz viel Geld (über 10.000 $, wenn ich mich nicht irre) für sich und seine Freundin in einen bekannten Visums-Anwalt investiert, der ihnen eine Daueraufenthaltsgenehmigung erstritt. Es war nicht einfach, denn die Australier wollten seine Schreinerausbildung nicht anerkennen, weil die nur zwei Jahre lang gewesen war. Er hatte das damals so gedeichselt, weil er Abitur hatte, schon älter war und nicht nochmal diesen Berufsschulkram mitmachen wollte. Es ist wirklich nicht leicht, hierher auszuwandern, höre ich immer wieder, wenn sie selbst über Schreiner mäkeln.
Irgendwann explodierten die Grundstückspreise hier und sein Land war plötzlich über 200.000 $ wert. Er verkaufte es, obwohl er immer gedacht hatte, dass er im Alter dort „abgammeln“ würde, weil er sich in das Grundstück hier in Roaring Beach verliebt hatte, was er für 130.000 $ bekam. Seitdem lebt er hier, wenn er nicht in der Welt unterwegs ist. Sein Haus muss ganz einfach sein, ohne Komfort, schlafen tut er meist in einer Höhle, die er sich hergerichtet hat. Wenn K. und R. hier sind, gehen wir mal hoch und besuchen ihn.
Seine Freundin lebt mit zwei Söhnen in Nubeena in einem Haus, das er billig erstanden hat und an sie vermietet. Sie fängt jetzt grade einen Job als Lehrerin in der Schule an.
Er erzählte mir von einem erstaunlichen Gesetz: wenn man ein halbes Jahr mit jemand zusammenlebt (als Liebespaar), dann hat die oder der andere automatisch ein Recht auf die Hälfte des Besitzes des anderen, im Falle einer Trennung. Das kann man auch nicht mit einer vertraglichen Regelung mit Gütertrennung oder sowas aushebeln, weil das Gesetz über allen Verträgen steht. Es gibt wohl einen besonderen Anwalt, der das in den meisten Fällen doch kann, aber der nimmt für so einen Vertrag 500.000 $. Fünfhunderttausend. Dafür haftet er dann mit seinem persönlichen Vermögen, wenn es doch schiefgeht. Die Reichen nehmen sich den.

Es war ein interessanter Abend. Er empfahl mir Portugal zum leben, an der Westküste der Algarve sprechen wohl alle Englisch. Vielleicht fahre ich da mal runter und schaue mich um, mal sehen. Es ist einfach spottbillig dort, das Leben.

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