Freitag, 23. März 2018

Honigkuchenpferd

ZWEITER TEIL

Dann gingen wir den Track runter zum Strand. Es war schon erstaunlich: ein so wunderbarer, weißer Sandstrand, zur Landseite begrenzt von riesigen Dünen, mit einem phantastischen Blick auf die Küstenlandschaft und die Klippen – und niemand war dort. Nur ein paar Möwen und wir. Wir trafen wieder auf so einen Jungvogel, einen Jammerer, der die ganze Zeit seine Mama anjammerte und am Gefieder zupfte und gefüttert werden wollte.





S kletterte die Dünen hoch und versuchte, auf einem gefundenen Holzstück runterzurutschen, aber er glitt nicht, es funktionierte nicht, er rutschte mühsam wieder runter, denn rollen wollte er sich nicht.

Pennicott-Tour-Boot.










Rutschweg von S.






Wir gingen dann ganz ans andere Ende und suchten uns einen windstillen Platz mit schönen Felsen zum anlehnen, begleitet vom Jammerer und seiner Mama. Dort aßen wir gemütlich und fütterten ein wenig die beiden Vögel, wobei die Mama gnadenlos war und überhaupt nicht mit dem Jammerkind teilen wollte. Dann packte mich eine große Müdigkeit, ich begann, fast einzudösen.
„Jetzt hättest du wohl gern einen Kaffee, was?“ fragte S, der schon weiß, dass ich am Nachmittag  Kaffee trinke und das auf unseren Walks immer vermisst habe.
„Ja“, sagte ich, „ich hatte daran gedacht, einen mitzunehmen, aber habe es dann leider nicht gemacht.“
„Ich kann einen machen“, sagte er.
Ich dachte, er macht sich über mich lustig, er hat ja oft irgendwelche ausgefallene Ideen, aber er griff strahlend nach seinem Rucksack und holte – ich traute meinen Augen nicht! - einen Campingkocher, eine türkische Kaffeekanne, eine Dose Espresso und ein Glas mit Milch und Zucker hervor und zwei Tassen! Das hatte er alles mitgeschleppt, obwohl er sonst auf jedes Gramm achtet, das er mitnimmt! Und er stellte den Kocher zwischen die Felsen und kochte das Wasser und machte uns einen wunderbaren türkischen Kaffee!
Da muss ich schon in Brüggemanns Fußstapfen treten und sagen, das grenzte nun doch ans Paradiesische: dort im Sand zu liegen, an warme Felsen gelehnt, im Sonnenschein, das kristallklare türkisblaue Meer vor Augen, die Berge mit den dichten grünen Wäldern darauf, die hohen Klippen, die Inseln in der Ferne und einen richtig guten Kaffee zu trinken, wozu S feine Bitterschokolade mit Chili reichte. Das war von so schlichter und schöner Perfektion, dass selbst S, der große Kritiker, zufrieden strahlte wie ein Honigkuchenpferd. „Das dachte ich mir, dass dir das gefällt“, grinste er vergnügt. Ich entdeckte eine ganz neue Seite an ihm: die Honigkuchenpferdseite.



Auf dem Rückweg bogen wir nochmal ab zur Küste, wo sich eine phantastische Felsenlandschaft entfaltete, es war grandios – flach und glattgewaschen von Sturmfluten, ganz anders als die Felsen, die ich sonst kannte. Leider gab da meine Kamera auf, den Rest musste ich in meinem Kopf speichern, denn mein blödes Mobile fotografiert nur mich selbst, die wütend in den Monitor starrte, ich hatte keine Ahnung, was los war.
Jedenfalls wuchsen dort diese breiten, langen Seegraspflanzen an den Felsen in einer Einbuchtung, in die mit mächtiger Kraft immer wieder das Meer hineindrängte. Die Pflanzen, schwarzglänzende, breite Bänder, hingen schlaff herunter wenn das Wasser sich zurückzog und wurden dann von den gewaltigen Strudeln des immer wieder neu hereinstürzenden und tosenden Wasser hochgerissen und erst zu einen, dann zur andere Seite geschleudert – es war ein phantastisches Spektakel. Also: keine Fotos. Ihr müsst mir das so glauben.














Der restliche Rückweg war simpel – „boring“, krittelte S – nach all unseren Abenteuern: Abendsonne, die Vögel zwitscherten in den Büschen, die Klippen versanken im Dunst, der sandige Pfad zog sich in leichten Wellen hin bis zum Parkplatz. Wir waren sechs Stunden unterwegs gewesen. Was für ein wunderbarer, letzter Walk!

Wir fuhren dann noch in die Bücherei, weil S seinen Faulkner abgeben musste, er war von jemand anderem bestellt worden, zu Ss großer Überraschung. Denn das Buch (As I lay dying) war ja über sechzig Jahre alt und es war scheinbar beliebt! S hatte sich schwergetan, da reinzukommen, aber er hielt durch und am Ende gefiel es ihm gut. Er hatte es am Morgen noch schnell ausgelesen.
Ich verabschiedete mich von der netten Bibliothekarin, ohne Obst und Schokolade, denn die Läden hatten schon geschlossen. Sie konnte es gar nicht fassen, wie viele Stunden mein Rückflug dauert. Eine andere Kundin stand dabei, die auch auf die Abschiedsparty von S3 eingeladen war, am Ostermontag ist die. Da werden wohl sehr viele Leute hinkommen, sagte S. Ich hielt allen dreien noch einen kleinen Vortrag über Faulkner und sie schauten mit neuer Andacht auf das Buch in Ss Hand und nahmen sich vor, ihn zu lesen.
Wir fuhren in einen wunderbaren Sonnenuntergang zurück nach Roaring Beach. Die Sonne war glutrot – kein Fotoapparat! - weil sie von Rauch eingenebelt wurde, denn sie brennen jetzt ja überall den Busch weg. Die richtig großen Feuer werden dabei, so lernte ich, von Hubschraubern entzündet. Sie legen in die Mitte eines großen Areals einen Haufen Baumstämme, zünden das Areal dann rundherum in einen großen Kreis an und dann rast das Feuer immer schneller auf den Mittelpunkt des Kreises auf die Baumstämme zu und es sieht aus wie eine Atombombenexplosion, weil so ein riesiger Rauchpilz aufsteigt.
S lud mich für morgen zum Lunch ein: meine Henkersmahlzeit.

In meiner Tür steckte ein total lieber Brief von den beiden Work & Travellern B und K. Ich dachte, sie seien schon längst wieder weiter, aber sie waren noch da. Und sie schrieben, die Jungs, die jetzt auch bei Stefan sind, seien passionierte Angler und es gäbe dauernd schönen Fisch und ich sollte doch noch hochkommen, wenn ich Lust hätte. Sie hatten sich mit den beiden Deutschen aus der Waterworks Rd in Hobart getroffen, ich hatte ihnen den Kontakt vermittelt, und es ist wohl sehr nett gewesen. Ich musste das absagen, weil ich jetzt nicht den Kopf dafür habe, aber ich habe grade das Gefühl, alles hier ist so wunderbar leicht und warm und freundlich, man kann sich so treibenlassen und wird hin- und hergeflutet wie das Seegras. Wenn man loslassen kann...

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