„Die gesamte Wanderstrecke besticht durch Aussichtsreichtum auf die umgebenden Buchten sowie Steilklippen; die Erklimmung des Mount Brown als höchsten Punkt der Tour beschert uns dann mit den besten Fernblicken. Heimlicher Höhepunkt der Wanderung ist jedoch die halbmondförmige, von Dünen und Felsen eingerahmte Crescent Bay. Der feine, helle Sandstrand, eingebettet in seinem lieblichen Ambiente mit zauberhaftem Ausblick auf eine stolz aufragende Felsküste erinnert sehr an die berühmte Wineglass Bay im Freycinet National Park. Doch im Gegensatz zu dieser viel besuchten Schönheit finden wir hier oft noch romantische Einsamkeit vor.“Der Brüggemann, ein Mann des Wortes.
Unterwegs fragte ich wegen der überfahrenen Tiere auf der Straße: S meinte, Wallabies und Kaninchen würde er schon töten, das müsse man mit einem schnellen Schlag oder Tritt auf den Kopf tun, dann leiden sie nicht. Und es sei wichtig, sie von der Straße zu räumen, weil die großen Raubvögel sonst überfahren werden, die davon fressen. Die krallen sich nämlich im Kadaver fest mit ihren Krallen und können nicht schnell genug auffliegen. Die Krähen sind da besser, die tippeln immer weg, wenn ein Auto kommt, die kennen sich mit dem Verkehr gut aus.
Neulich hätte er einen Wombat angefahren, die sind zu stark, um sie zu töten. Er blutete aus der Nase und S hätte sich neben ihn gesetzt, eine Hand auf ihn gelegt und ruhig mit ihm gewartet, bis er gestorben ist. Dann hat er ihn weggezogen.
Am Parkplatz fanden wir eine schöne Aussichtsplattform vor und dann führten einige Treppen runter zu einer kleinen Schlucht, in die durch einen schmalen Durchgang das Meer hereinbrandete. Das Besondere war, dass sich hier die Gesteinsarten mischten: das Dolorit zuunterst wurde vom Sandstein überwölbt. Normalerweise hat man auf der Peninsula entweder Dolorit: dunkel, streng, fast gotisch, mit schmalen, aufrecht stehenden Felsplatten, die aneinander gepresst aufragen. Oder man hat Sandstein: eine barocke Orgie aus hellem, bröseligen Gestein, das wie eine geschmolzene und wieder erstarrte Sahnetorte in warmen Farben und grenzenlosem Gestaltungsreichtum üppig vorquillt oder zurückweicht in Höhlen. Hier also beides, das hat mit einem Vulkanausbruch zu tun. In den Felswänden waren hin und wieder kleine Steinhaufen angeordnet, ich nehme also an, dort wird geklettert.
Zuunterst der kleinen Bucht lag nicht nur ein toter kleiner Pinguin, sondern auch der Kadaver eines riesigen Seelöwen. S sagte, die Fischer erschießen die Tiere, weil sie die Netze kaputtmachen.
Dann gingen wir den Track an, der erstmal einfach war: sandiger Boden, kaum Höhenunterschiede, die weite Landschaft karg und kniehoch dicht bewachsen mit Buchwerk, es war zu windig dort für Bäume. Ich staune immer wieder über die großen Unterschiede hier in der Landschaft, aber vielleicht ist das ja überall auf der Welt so.
Es gab ein paar Steilklippen zu besichtigen, die ich ja leider einfach nicht fotografieren kann, das Steile passt nicht in meine Kamera rein. Diesen Spalt im Boden, der sich nach vorne öffnet und du schaust runter und siehst in tiefe Dunkelheit und ganz unten ist ein offener Tunnel, durch den das Meer hereindonnert – da versagt die Fototechnik.
Wir kamen dann zu der Abzweigung zum Mount Brown und S überließ mir die Entscheidung, ob wir hochgehen oder gleich weiter zum Strand. Er war, das merkte ich, vom Wind etwas zermürbt, den verträgt er nicht gut. Aber ich wollte hoch.
Das wurde dann doch etwas abenteuerlicher, denn nun wurde es zum einen sehr steil, zum anderen gab keinen richtigen Track mehr, sondern nur noch freie Natur, was hieß: große Felsplatten, die wir hochstiegen in der Hoffnung, nicht wegzurutschen oder schmale Pfade durch Geröll und Gebüsch. Zum Glück fanden wir überall die Steinhaufen-Markierungen, die ich ja so lieben gelernt hatte und S machte überall noch welche dazu, wo sie seiner Meinung nach fehlten. Der Wind war stark, S war bereit, nach der Hälfte umzukehren, aber ich wollte ganz hoch, zum Gipfelkreuz und er gab nach. Ich war froh, als wir oben waren. Es gab dort einen Steinwall um das Kreuz herum, in den wir uns setzten und etwas aßen. Der Blick rundherum war grandios. Wenn man oben auf einem Berg steht und hat um sich herum diese Weite, diesen endlosen Blick übers Meer oder über die Klippen und die bergige Landschaft der Pensinula – das ist etwas, was einen innerlich befreit und beflügelt, da kann man gar nichts gegen machen.
Wir sahen auf der Insel vor uns den Leuchtturm und S erzählte, dass ein Freund von ihm, ein Maler, dort mal gejobbt hat, um sich künstlerisch auszuleben. Einmal hatte er etwas auf dem Dach von dem Leuchtturm richten müssen. Es war noch jemand dabei, der ihm helfen sollte. Um das Dach herum war ein schmaler Balkon, von dort aus stieg er hoch, machte das, was er machen musste und dann konnte er nicht wieder runter! Unglaublich, aber er war nicht in der Lage, sich zu bewegen, eine plötzlich Angst hatte ihn gepackt und komplett gelähmt. Der Andere, der auf dem Balkon stand, redete auf ihn ein, versuchte ihn zu ermutigen, aber um runterzukommen hätte er loslassen müssen, um dann zum nächsten Griff zu kommen und er konnte es nicht. Konnte nicht loslassen. Das Ganze muss sich über Stunden hingezogen haben, bis es dem Anderen gelang, ihn zu überreden.
S kennt immer interessante Geschichten. Loslassen...
Als wir zurückgingen, verliefen wir uns. Tatsächlich! Ich verlaufe mich hier neuerdings praktisch jeden Tag! Aber diesmal war ich nicht in Panik und überließ alles S, der dann mit seiner unbestechlichen Logik alles durchdachte und schließlich den Rückweg fand.
Es war ein guter Track da hoch: steinig und steil und anstrengend, aber interessant, das musste S schließlich zugeben. „Sag doch mal: 'Gut, dass du mich gezwungen hast, hier hochzugehen!'“, forderte ich, aber er lachte nur.



































