Dienstag, 13. März 2018

Regenwald

Der Forecast sagt Regen für heute, das hätte ich auch gestern schon wissen können, ich habe ihn ja im Computer. Es ist erst 8 Uhr durch, keine Ahnung, ob S schon auf ist, aber ich fürchte, den Walk müssen wir lassen.

Noch zwei Wochen...

Wir sind gegangen. S meinte, wenn die Vorhersage ist 50 % Regen, dann haben wir eine Chance von 50 % auf keinen Regen. Solche Worte aus seinem Mund! Sein Glas halb voll! Er wollte auf jeden Fall lieber gehen, wenn  es nicht so heiß ist und morgen will er nach Hobart fahren, also gingen wir.
Wir fuhren zu dem Parkplatz, wo der Track beginnt, den ich schon allein gemacht hatte, bis zur Steilküste Waterfall Bluff. Dann hatte ich mich ja verlaufen, auf der Suche nach dem Wasserfall und ging anschließend zurück.
Als wir an der Steilküste standen sahen wir drei der Schnellbote mit denen hier die Touristen Touren die Küste entlang machen. Eins kreiste um ein Fischerboot, das wiederum von einem großen Schwarm Delphine umkreist wurde. Die Touristen hatten ihren Glückstag!













Wir standen auf einem Felsen über dem furchtbaren Abgrund und schauten rüber zum Cape Hauy, wohin wir unseren anderen Walk gemacht hatten. Die Inseln in der Ferne begannen im Dunst zu versinken – der Regen kam. Zögerlich und harmlos, so dass wir nicht unsere Regenjacken rausholten.
Dann stiegen wir (von dem 60 m über dem Meeresspiegel liegenden Parkplatz) auf einen 525 m Berg auf. Ein schmaler Pfad, auf weichem Waldboden, manchmal mit ganz alten steinernen Stufen führte durch eine fremde Welt: riesige, uralte Bäume waren hier umgefallen und wurden nun von Farnbäumen bewachsen, die auch überall am Bach entlang wuchsen und teilweise riesig werden. Überall wuchs und grünte es, drunter und drüber, kreuz und quer, eine Vielfalt und eine Dichte, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Dicke Moosteppiche, Pilze in leuchtenden Farben, Büsche, Baumgiganten, Farne – alles durchmischt mit totem Holz, mit Flechten und Moos überzogenen Felsbrocken und belebt von unzähligen Vogelstimmen. Der Pfad schlängelte sich schmal und steil dort hindurch, den Berg hinauf. Und es regnete.

















Und es ging weiter und weiter, immer steiler, immer höher – ich kam das erste Mal an die Grenzen meiner Kraft. S nicht, der ging relativ zügig vor mir her, er war schon sehr durchnässt und wollte nicht kalt werden. Und seine Jacke wollte er auch nicht anziehen, damit er wenigstens noch ein trockenes Kleidungsstück hat. Irgendwann waren wir auf dem Bergrücken, laut Brüggemann müssten wir zu einem großartigen Aussichtspunkt kommen. Wir schlugen uns durch Büsche, die unseren Pfad dicht eingewachsen hatten und nun ihren gesamte Nässe an uns abstreiften. Und auch ein paar Blutegel, wie sich später rausstellte, wenn auch eine kleinere Sorte als die vom Roaring Beach. Wir gelangten tatsächlich an eine Felsenplattform und hätten weit schauen können, wenn es nicht geregnet hätte und die gesamte Küste komplett im weißen Dunst verschwunden gewesen wäre. Soviel zu 50 % Regenwahrscheinlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit schlägt zu, wo sie will – diesmal in Richtung Tatnans Hill, wo sie auf uns traf, mit ihrem blöden Regen. Es war aber nicht wirklich kalt, deswegen hielt sich das Leiden in Grenzen. Wir drehten dann einfach wieder um.
Als wir am Parkplatz waren, schien die Sonne und wir setzten uns auf einen warmen Felsen und aßen was. S erzählte, in den Nachrichten wäre gekommen, dass Tasmanien das einzige Land wäre mit einer negativen Klimabilanz – die Wälder hier lagern mehr Umweltgifte ein als die Tasmanier erzeugen. Und sie haben hier Ökostrom und praktisch keine Industrie.




Die Küste taucht im Regen auf!




Dann stellte S die Heizung auf volle Kraft und wir fuhren zurück in einer Art dampfendem Backofen. Wir nahmen dann die alte Straße, die direkt durch das Innere der Insel vom Norden runter nach Nubeena führt, durch das delightful hinterland. Dort werde ich nochmal hinfahren, zum fotografieren, es ist traumhaft schön: ein Rollsplittweg, kein Auto begegnete uns, er wird nur von den wenigen Anwohnern genutzt. Er zog sich in Kurven durch die dicht bewaldeten Hügel und Berge, gesäumt von großen, alten Bäumen und immer wieder traumhafte Ausblicke über Wälder und Meer öffnend. S sagte bei jedem zweiten Haus (es gibt nicht viele dort): dort habe ich den Dachstuhl ausgebaut, da habe ich die Fenster erneuert, für den habe ich ein Bücherregal geschreinert etc.
In Nubeena ging ich noch in den Supermarkt, während S im Auto wartete. Ich kaufte uns zwei Ginger-Beer und wir tranken sie, im Auto sitzend vor der stillgelegten Tankstelle und schauten auf die Hauptstraße, wo ab und zu mal ein Auto vorbeifuhr.
Ich fragte S nach dem Winter: er mag ihn sehr. Es gibt hier praktisch nie richtig Frost, die Temperatur ist vielleicht zwischen zwölf und achtzehn Grad, es ist meist windstill, hin und wieder gibt es einen heftigen Sturm. Da es schon gegen fünf Uhr dunkel wird, steht er früh auf, bereitet ein Feuer vor und fährt zur Arbeit. Wenn er zurück kommt, macht er das Feuer an und geht dann nicht mehr raus. Hin und wieder treffen sich die Leute hier auf einer Party, alle zwei Wochen fährt er nach Hobart. Da er bei der Arbeit immer mit Menschen zu tun hat, ist sein Bedarf an sozialem Kontakt meist gestillt und er ist zufrieden, zu Haus zu sein. Was für ein beschauliches, ruhiges Leben. Und irgendwie kein bisschen langweilig.
Als wir wieder hier waren, fuhr er mich direkt vor die Stufen zur Terrasse: ich sei für heute genug gelaufen, meinte er. Womit er RECHT hatte! Zum Glück hatte ich genug geheizt, um mich in die heiße Badewanne legen zu können und ich blieb ewig drin. Ging früh ins Bett, nicht ohne vorher wieder die Mausefalle im Badezimmer zuklappen zu hören...

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