Dienstag, 17. Oktober 2017

Alltag

Heute bin ich gegen 4 Uhr aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Ich stand um 6 Uhr auf, es wurde grade hell. Ich machte den Ofen an, kochte Tee und trug Bücherkiste und Notebook nach oben, ans Bett. Als ich mit der Teekanne durch die dämmrige Küche zur Treppe ging, trat ich auf etwas Weiches, aber ging weiter. Dann blieb ich stehen. Wenn man in so einem Waldhaus auf etwas Weiches tritt, dann hat das etwas zu bedeuten. In der Regel etwas, was mit Tieren zu tun hat. Ich stellte den Tee ab, holte die Taschenlampe und leuchtete den dunklen Fleck an: es war der Blutegel! Schwarz und steif lag er da, aber mir schien, sein eines Ende bewegte sich noch. Unbegreiflich ist mir das, wo der herkam. Ich hatte die Strumpfhose gestern mit den anderen Sachen in der Badewanne gewaschen und gewendet, dort war mir nichts aufgefallen. Die Arbeitshose hatte ich ausgeschüttelt, sie hing an der Treppe. Welche Wege war es gekrochen? Ich fegte ihn raus. Ich werde beim Arbeiten jetzt Schnürschuhe tragen und die Hose reinstecken und unten richtig zubinden. Mal sehen.
Ich liege im Bett und hinter dem Wald gegenüber beginnt die Sonne ihr glühendes Werk. Eine kleine, weiße Wolkenbank treibt vorüber, aus den Bäumen steigt Dunst, in dem kahlen Baum auf dem Hang stößt der „Lachende Hans“ sein fürchterlich meckerndes Gelächter aus. Ein anderer Vogel antwortet, es klingt, als würde man in rasender Eile mit zwei rostigen Löffeln auf eine hohle Kokosnuss schlagen. Ein großer Teil der Tierwelt geht jetzt zur Ruhe, denn die meisten sind nachtaktiv. Weshalb man nichts, garnichts, draußen auf der Terrasse lassen darf. Denn darauf richten sie dann ihre Aktivitäten.




18:57 Uhr
Was für ein arbeitsamer Tag liegt hinter mir, welche Erfolge habe ich zu feiern! Nicht grade, dass ich mich schon getraut hätte, Auto zu fahren oder zu S. zu gehen und Englisch zu sprechen, soweit ist es nicht gekommen, aber ich vollbrachte andere Zeichen und Wunder. Es ist mir gelungen, Notebook und Handy zu laden. Da soll jetzt bloß niemand geringschätzig lächeln, denn hier sind nur 12 Volt und das Laden erfolgt über äußerst merkwürdig aussehende Kabelwirrnisse, aus denen sich nach allen Seiten die unterschiedlichsten Stecker winden. Man kann da ganz schnell mal ein Gerät kaputtmachen, beim Laden. Gefahren lauern hier überall!
Dann ging ich den Berg hoch, zum SMS-schreiben. Horst schrieb, er hat im Supermarkt in Nubeena Bescheid gesagt, dass ich hier jetzt wohne. Nicht nur, damit sie ihren Autos von der Straße weghalten, sondern auch, weil der Besitzer Kroate ist und ein bisschen Deutsch kann. Sehr nett, der große Bruder.
Dann Holz gemacht – was mindestens genau so viel Spaß macht, wie Holz verbrennen. Ich habe den unordentlichen Haufen, den mein Neffe J. für mich hatte hacken müssen, schön geschichtet. Habe dann angefangen die Stämme, die H. mir zersägt hatte, zu hacken. Was anfangs sehr gut ging, ich bin eine erfahrene Hackerin, da ich in Marburg viel mit Holzofen gewohnt habe. Aber dann: Katastrophe. Nichts Blutiges, aber trotzdem blöd. Es gab zwei sehr große Beile, wovon das eine noch größer war als das andere. Und plumper aussah, stumpf. Ich nahm also das scharfe, etwas kleinere. Zwei, drei Scheite gaben bereitwillig nach, dann aber: ein Holzklotz in den die Axt nur ganz knapp eindrang, kaum zwei Zentimeter an der tiefsten Stelle, aber ich brachte sie nicht wieder raus. Keinen Millimeter.
Es gibt hier so ein Holz, das braucht ca. 50.000 Jahre, um zwei Meter zu wachsen, das ist so hart, dass ein Granitklotz dagegen ein Wattebausch ist. So ein Holz musste das sein, ich hatte keine Chance. Ich mühte mich ca. eine Stunde mit Hammer und Meißel, mit Säge, mit Herzblut – nichts. Schließlich nahm ich die plumpe, ca. 50 Kg schwere andere Axt und dröhnte damit auf die ganze Geschichte ein und das half. Ich bekam die Schmale los. Ich staunte. Nahm die Monsteraxt, hob sie hoch, hoch, hoch über mich und ließ sie niederdröhnen auf den Holzklotz – es zersprengte ihn in mehrere Teile. Wieder was gelernt: hartes Holz muss man mit Druck überrumpeln, nicht mit Schneidigkeit. Einfach draufhauen.
So hackte ich eine ganze Menge Klötze, aus lauter Spaß, ich spüre es jetzt in den Muskeln.
Ich wehrte eine Blutegel- Attacke ab, denn ich trug kurze Hosen, so dass ich sehen konnte, was passierte! Eine ganz neue Strategie.


Dann versuchte ich zu lesen – es gelingt noch nicht, dauernd springt meine Aufmerksamkeit weg. Plötzlich stellte ich fest, dass ich von der Terrasse aus Telefonverbindung habe! Am Haus! Zumindest immer wieder, es schwankt stark. Ich begann mit H. und D. hin und her zu simsen. Ich bin zwei Stunden entfernt von ihnen, aber mit diesem Smartphone erscheint mir das gar nicht mehr so weit.
Mittags kochte ich wunderbaren Spargel und aß das letzte Lammkotelett. In Sachen gehobene Lebensqualität setze ich neue Standards für Roaring Beach.
 
















Dann ging ich ans Meer. Ich nahm die große Heckenschere mit, um unterwegs den Weg zu verbreitern – es gibt einfach immer was zu tun. Denn wenn die Natur hier eines kann und will, dann ist das wachsen, wachsen, wachsen.
Das Meer. Das Meer! Ich ging vor, bis an den Rand der – sehr hohen! - Klippen und setzte mich auf einen Felsen. Ein bisschen unsicher war ich weil ich nicht weiß, wie brüchig die Küste ist und wie es unter dem Felsen aussah, auf dem ich stand. Das wäre ja wirklich peinlich gewesen, wenn ich gleich am zweiten Tag in Roaring Beach an der Küste was abgebrochen hätte...
Unten am Strand sah ich ein älteres Ehepaar, das die Klippen fotografierte, ihr Auto stand auf dem Parkplatz ein Stück entfernt. Ich war sofort empört! Was wollen die Touristen hier?! Das ist Roaring Beach! Hier wohnen Leute, da dringt man doch nicht einfach so ein und fotografiert die Klippen. Unglaublich.
Das Meer! Es ist was Gewaltiges – riesige Wassermassen sind das. Gewaltig. Die mächtigen Wogen, die da Stund' um Stunde herandröhnen sind wie das Heben und Senken seines Zwerchfells, nebensächlich im Grunde, für die ungeheure Größe der Wassermenge insgesamt. Aber für uns kleine Wesen ist das behäbige Fluten und Donnern ein gefährliches Schauspiel. In zehn Tagen muss ich nach Hobart, da sind die wetsuits im Sonderangebot und ich muss einen kaufen und dann muss ich da rein!
Ich gruselte mich noch ein Weilchen, dann ging ich zurück. Ich wollte nicht runterklettern, zu den Touristen.
Ich bastelte noch lange am Weg herum, so dass man ihn hoffentlich bald Kratzer- und Blutegelfrei durchlaufen kann.
Zuhause machte mir einen hervorragenden Espresso, da sah ich plötzlich, dass der Küchentisch von winzigen Ameisen wimmelte. Was ist das?! Wo kamen die her? Ich tötete sie alle, es kam keinen Neuen nach. Habe ich die von irgendwo mitgebracht? Später sah ich, das dieselben Ameisen einen Bau in dem gefällt Baum haben, auf dem ich mich zum telefonieren gesetzt hatte. Aber wie hatte ich sie rübertransportiert? Ich begreife es nicht. Von S. hörte ich dann, dass sie harmlos sind, ins Haus eindringen auf Raubzug nach Essen, aber sich nur an sonnigen Stellen aufhalten wollen. Deshalb bevölkerten sie den Tisch, solange die Sonne reinschien, ansonsten sind sie nicht da.
Es gibt hier Ameisen in allen Größen und Gefährlichkeitsgraden, besonders vorsehen muss ich mich vor dem Jumping Jack: schwarz, ca.1 cm lang , mit roten Beißzangen, er springt bis zu zehn Zentimetern. Wenn der einen beißt, dann hat man ein Problem. D. reagiert allergisch, ihr schwillt der Arm an, sie ist für Tage mattgesetzt. Auf der Klippe hatte ich einen gesehen. Er hüpfte unschuldig vorbei.
By the way – die Narben von meinen Blutegelbissen sehen furchtbar aus. Wenn das so weitergeht, werde ich völlig entstellt zurückkehren, falls ich es hier überhaupt überlebe. Was ja noch nicht klar ist. Wir haben noch nicht über die Schlangen geredet. Ein alter Aborigines-Trick: sobald man gebissen ist, legt man sich still hin. Weil sich dann das Gift nicht im Blutkreislauf verteilen kann. Dann wartet man ab. Hop oder Top, heißt es dann. Man hat allerdings auch zwei Tage Zeit, sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Was in meinem Fall wieder schwierig ist, weil ich mehr als zwei Tage brauche mich zu überwinden, Auto zu fahren.
Wie auch immer, ich las ein wenig. Immerhin. Ein, zwei Seiten. Dann nahm ich den Rechen und rechte den Rasenplatz, der voll mit trockener Tierscheiße war. Die ist hier total hart, also eigentlich kein Problem, aber ich will einen schönen Rasen haben und die Tiere sollen wissen, dass hier jetzt ein Mensch wohnt. Dauernd fallen mir so Sachen ein, es nimmt kein Ende. Ich will den verwilderten Garten wieder richten, Müllhaufen ordnen, Holz verarbeiten, Vorhänge nähen, Regale anbringen – ich habe ein Haus zu managen! Ein Grundstück.
Und ich war noch nicht ganz oben auf dem Berg. Dort ist wohl eine schöne Stelle, wo man übers Meer sehen kann und D. und H. eine Hütte oder Terrasse anlegen wollen. Es gibt etliche Wege hier durch den Wald, über die Berge. Und es gibt Naturschutzparks, Traumstrände, Bauernmärkte – wenn ich wollte, könnte ich einiges unternehmen.
Ich sitze im oberen Zimmer in meinem gemütlichen Sitzsack und schaue aus dem Fenster, Die Dämmerung kommt und der dicke, kleine Wombat trollt übers Gelände. Knuffig. Er macht eckige, knuffige Scheiße, ich erkenne sie schon wieder. Er lebt allein, H. sagt, denn Wombats sind total eigen. Es kann kein Zufall sein, dass wir Nachbarn sind.

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