Montag, 16. Oktober 2017

Sonntag












Ich sitze, obwohl es in der Abenddämmerung kühl wird, in kurzen Hosen auf der Terrasse. Warum tue ich das? Weil mich ein Blutegel erwischt hat. Und das heißt: ich habe eine Wunde unten am Schienenbein, die nicht aufhört zu bluten, weil die da was reinspritzen, das ein Dauerbluten verursacht. Aber wie konnte mich denn ein Blutegel erwischen, wo ich doch eine lange Strumpfhose trug und eine Arbeitshose, deren Beine unten zugebunden waren? Die ehrliche Antwort ist: ich habe keine Ahnung.
Ich habe, nach wunderbarer Nachtruhe, heute Morgen den Start in die Lese-Saison eröffnet, da traditionell bei mir der Vormittag der Lektüre gewidmet ist. Eine Bücherkiste mit sorgsam zusammengestellter Einsteigerlektüre: auf mich wartet Heidegger, Arendt, Nietzsche und Kafka, abgesehen von Goethe und Co. Also: es wartet viel auf mich. Aber zum Einstieg ein bisschen Seelenmassage: von Peter Bieri ein Buch über Menschenwürde (Eine Art zu leben). Und von Amos Oz: Sehnsucht, das ich für meinen Lesekreis lesen will. Aber: ich konnte nie mehr als zwei, drei Sätze am Stück lesen, dann sprang ich wieder auf, weil mir irgendwas einfiel, was ich holen, nachschauen, wegbringen, ordnen oder suchen wollte. Alles ist neu und spannend.
Die Sonne scheint morgens auf die Terrasse und wandert dann nach links ab. Nach links! Man bedenke! Was ich hier auszustehen habe mit all den Links- und Rechtskatastrophen. Heute schien sie durchgehend, es war keine Wolke am Himmel und hat nicht ein Mal geregnet. Normalerweise wechselt das Wetter häufig und bislang hat es jeden Tag ein bisschen geregnet irgendwann. Heute: Sommer. Nicht zu heiß, nicht zu kalt, ein frischer Wind vom Meer, es ist ideal. Ich saß erst in meinem neuen Super-Gartenstuhl mit Nackenrolle und perfekter Neigetechnik, dann wechselte ich in die Hängematte.
Es ist im Grunde wie Urlaub: ich liege in der Hängematte, habe keine Pflichten, die Sonne scheint, die Vögel scheppern und knattern und in der Ferne rauscht das Meer. Irgendwann werde ich vom Urlaubsmodus wechseln in … ja, in was? Keine Ahnung habe ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dies Plätzchen hier je leid werden könnte, aber wir werden sehen. Momentan habe ich nicht das geringste Bedürfnis nach Wanderungen oder Naturparks oder andere Unternehmungen.
Ich ging mal den Berg hoch und versuchte, eine SMS nach Hobart zu schicken. Ich habe das Gefühl, dass es geklappt hat, aber sicher bin ich nicht. Dann wässerte ich die drei winzigen Eichen, die mein Bruder aus deutschen Eicheln gezogen und nun an den Hang gepflanzt hat, abgesichert mit dicker Folie gegen die Tierwelt, die hier alles niedermacht, was der Mensch anpflanzt.
Nach dem Mittagessen machte ich ein Schläfchen, dann präparierte ich mich mit pseudo-blutegelsicherer Arbeitskleidung und machte mich daran, den Opossum-Schuppen zu entrümpeln. Ich verbrannte einen Schubkarren von Müll – wie ich das liebe! Feuer machen! Jetzt sieht der Schuppen wieder aus wie eine Werkstatt und kein Opossum wird sich dort wohlfühlen. Als ich zurück ins Haus kam, hatte jemand auf meinen Super-Gartenstuhl gepisst. Nach D.'s Beschreibung – sie hatte mich ja vorgewarnt – war es ein Opossum. Die Wallabies halten sich noch fern, ich sah eins am Waldrand stehen und zu mir hinstarren, aber es kam nicht runter. Aber einen Skorpion habe ich gesehen, beim Aufräumen und … einen Huntsman. Das sind diese Riesenspinnen, deren Beine so dick wie ein Kinderfinger sind, aber länger. Skorpion, Huntsman und etliche kleine Eidechsen waren sehr beunruhigt, weil ich da doch massiv in ihre Idylle eingriff. Aber das müssen sie jetzt alle lernen, dass ich hier nun wohne. Ich hoffe nur, sie ziehen jetzt nicht alle zu mir ins Haus.
Es wird dunkel, ein paar rosa Wolken zieren den Himmel und was die Vögel da jetzt im Wald veranstalten, spottet jeder Beschreibung. Sie kollern und krakeelen gegeneinander, als wenn es nur einen einzigen Baum zum Schlafen gäbe und zwanzig Vögel gleichzeitig Anspruch darauf erheben. Die Grillen sägen friedlich vor sich hin, das Meer rauscht und ich kann jetzt wieder eine lange Hose anziehen, weil die Blutung aufgehört hat. Und da kommen die Wallabies den Hang runter und grasen ein bisschen. Ich gehe rein.
Ich raste und ich ruhe nicht: da ich diese Blutprobleme hatte, denn da man das Bluten nicht spürt kann man sich eine ganze Menge Zeug vollbluten, ehe es einem auffällt, nutze ich die Stunde und machte große Wäsche. Die Waschmaschine ist noch nicht angeschlossen, also mit der Hand. Heißes Wasser gibt es, wenn der Ofen brennt. Ich weichte alles in der Badewanne ein, es ging gut. Leider geht das Licht aus, wenn ich im Bad und in dem Wohnraum Lampen anmache und dazu Musik höre. Ich habe nun einige Petroleumlampen in Gebrauch, die komisch riechen.
Ich merke immer mehr, wie einfach dieses Leben ist: es wird dunkel, ich gehe rein, zünde Lampen an, wasche Sachen mit der Hand und sitze dann auf dem Sofa und nähe Vorhänge. Draußen um das Haus tummeln sich die Tiere, die nächsten Menschen sind weit weg oder mit sich beschäftigt, keine Läden, keine Kinos, Events oder Konzerte – nichts. So leben viele Menschen, denke ich. Jedenfalls auf dem Land. Städte wie München, mit den täglichen Konzerten, den Theatern, Büchereien, Kaufhäusern, Universitäten, Biergärten, Parks, Schlössern, Einkaufszonen, Kulturzentren, ist eher die Ausnahme als die Regel. Ich bin froh, hier zu sein.

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