Hin und wieder – wenn auch selten - höre ich ein Auto vorbeifahren von den anderen Bewohnern des Tales, und ich ängstige mich vor meiner ersten Fahrt. Es ist ein schmaler Kiesweg, der sich in steilen Kurven durch den Wald windet, ich weiß nicht, wie da zwei Autos aneinander vorbeikommen sollen. Wenn es Rechtsverkehr gäbe, wüsste ich es, aber ich habe momentan noch Mühe, mein Auto überhaupt auf dem Weg zu halten. Immer wieder habe ich H. gefragt, wer da rückwärts ausweichen muss bei einer Begegnung. Immer wieder hat er gesagt: „Der Mutige fährt weiter.“ Das werde nicht ich sein.
Und Rückwärtsfahren mit einem Auto, das das Steuer links hat, ist wie rückwärts buchstabieren, habe ich festgestellt. Ich werde, wenn mir ein Auto auf dem Weg begegnet, einfach aussteigen und in den Wald flüchten.
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| links ich, rechts S. |
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| Herz für D., Hochzeitstag. |
S. war da und brachte mir Spargel und Salat, der Gute. Er sagte, wir haben ein Feuer ca. drei km weg. Ich hatte gestern vom Strand aus den Rauch gesehen, dachte aber, es sei ein kontrolliertes Feuer. Ist es nicht. Und wenn Wind aufkommen sollte und der aus Norden kommen sollte, und wenn ich dann Rauch riechen sollte, dann solle ich mich schleunigst auf den Weg machen. Seit zwei Stunden kommt nun schon ein Hubschrauber mit einem großen, roten Sack an einer langen Leine. Er macht eine Kurve hier überm Haus und tunkt dann den Eimer vorne am Weg in einen Teich. Damit fliegt er wieder weg. Der Geschwindigkeit nach zu urteilen, mit der er zurück ist, ist das Feuer wirklich nah. Natürlich meinte ich sofort, Rauch zu riechen. Jetzt fliegt der Hubschrauber woanders hin, um Wasser zu holen und es kehrt wieder Ruhe ein.
Ich klagte S. meine Autofahrangst und er sagte, ich soll auf dem Weg einfach langsam fahren, es wäre genug Platz, ich soll anhalten, wenn ich Angst hätte. Was anderes ist es natürlich, wenn man ein Feuer im Nacken hat.
Wlan gäbe es in Nubeena in der Bücherei, die aber ganz merkwürdige Öffnungszeiten habe. Und in der Bakery, die sei öfter offen. Morgen will ich den Versuch wagen. Falls nicht heute noch Nordwind aufkommt...
Da kommt der Hubschrauber wieder, er fliegt genau auf mich zu. Da! Er wendet und tunkt seinen Eimer nun doch wieder hier in den Teich. Das fände ich jetzt richtig, richtig blöd, wenn ich nun in so einen Feuerschlammassel gerate. H. hatte geraten, ich soll zum Strand runterlaufen, da wäre ich sicher. Aber wenn das Haus abbrennen sollte, wie schrecklich wäre das. Nicht auszudenken.
S. war nochmal da, um einen Sack Kalk abzuholen, und ich erhielt eine Lehrstunde in Sachen „danger fire“ und „fire danger“. Also: die danger fire sind solche mit Wind. Es gab ein riesiges danger fire letztes Jahr oder so, da sind mehr als 200 Häuser abgebrannt, aber niemand starb. Warum nicht? Die Leute retteten sich ins Meer. Die danger fire sind die mit starkem Wind, da rast so ein Feuer innerhalb von einer Stunde übers Land, auch von Insel zu Insel, da die ätherischen Öle in den Bäumen wie Brandbeschleuniger wirken. Die Leute standen also eine Stunde bis zum Hals im Meer, dann hatten sie zwar keine Häuser mehr, aber waren noch am Leben. Das hat H. für mich vorgesehen, sollte es hier gefährlich werden. Und ich habe noch keinen wetsuit!
S. sagte, es sei eine schwierige Entscheidung: das Haus verlassen oder bleiben und es schützen. Er hatte mal ein ruhiges Feuer (ohne Wind, ohne große Hitze) bis 300 Meter vorm Haus, da ist er dageblieben. Aber wenn dann plötzlich Wind kommt, bist du geliefert.
Das Feuer brennt hier an einem Berg, den wandert es jetzt hoch, er zeigte es mir auf meiner neuen Landkarte. Es leben dort im Busch ein alter Mann (90) und seine 60-jährige Frau, eine Philippina. Die hat wohl schön öfter mal Feuer gelegt, um Schlangen zu verjagen, obwohl man sie scharf verwarnt hat. Und sie haben einen 20-jährigen autistischen Sohn, der auch schon gezündelt hat. Meine Güte, das ist eine Konstellation, da mitten in der Wildnis ...
S. hat extra die Bäume um den Teich abgesägt, damit der Hubschrauber besser seinen Wassersack eintunken kann und nicht hängenbleibt. Er war vorhin unten, um ein Foto zu machen, aber der Wind der Rotoren war so krass, dass er sich abwenden musste und sein Gesicht schützen. Auf dem Teich sind immer noch die Enten, die gehen nicht weg, wohl weil sie ein Nest haben. Arme Viecher. Die haben sicher Alpträume heute Nacht. Es ist so ein unglaublicher Lärm.
Schon zweimal ist der Pilot nach Nubeena geflogen, zum Tanken. „And to have a coffee?“ sagte ich. S. kuckte mich empört an: „There is no time for coffee!“ sagte er. Echte australische Hubschrauberpiloten-Kerle sind keine Kaffeetanten! Nicht so wie die Rettungsflieger vom Rechts der Isar, die sich sicher ewig in der Cafeteria rumdrücken und mit den Krankenschwestern schäkern, wenn sie mal auf dem Krankenhaus gelandet sind.
S. hofft sehr, dass sie das Feuer unter Kontrolle kriegen, ich kann nicht einschätzen, wie groß seine Sorge ist. Eben sehe ich einen Wasserlaster die Straße hochfahren.
H. schreibt gelassen, dass es in Hobart 29 Grad sind und sicher bald regnen werde, ich bräuchte nicht zu fliehen, aber S. meinte, das Wetter in Hobart und hier sei nicht vergleichbar. Er ist schon beunruhigt. Heute Morgen hat er eine Liste gemacht, was er alles mitnehmen muss bei einer Flucht. Verdammt! Ich habe keine Liste! Niemand hat mir gesagt, dass ich eine Liste machen muss! Ich werde doch jetzt nicht meine Koffer packen, oder? S. gibt mir Bescheid, wenn der Wetterbericht Gefahren verkündet.
Wieder und wieder kommt der Hubschrauber, er braucht ca. 5 Minuten für einen Flug. Der gewaltige Lärm ist ein bisschen enervierend. Vielleicht sollte ich ans Meer gehen, den Fluchtweg freimachen. Da! Jetzt biegt er ab nach Nubeena, zum tanken. Vielleicht ein Gläschen Wasser trinken.
20.24 Uhr
Ich hatte mich grade endgültig an den Hubschrauber gewöhnt und fing an, Holz zu hacken, da sah ich unten an der Straße zu uns ein Trupp Feuerwehrmänner stehen. Da geriet ich dann doch ein bisschen in Panik. Ich ging hoch zu S., der war wie immer total nett und sagte, das hätte nichts zu bedeuten. Sie würden mit dem Hubschrauberpiloten reden wollen und tatsächlich – in dem Moment landete der Hubschrauber kurz, sie redeten und er flog danach für immer – jedenfalls heute – fort und auch die Feuerwehrmänner machten sich auf zu ihrer Mission. S. meinte, sie würden mich schon rausklopfen heute Nacht, wenn irgendwas wäre. Einigermaßen beruhigt trollte ich mich.
Die Dämmerung brach an und ich schaute noch kurz zum Teich runter. Direkt daneben liegt der Garten von S. - ein Traum. Groß, voller blühender Büsche, Blumen, Gemüse – alles sehr gut abgesichert. H. hatte schon gesagt, dass S. sich davon ernährt. So einen beeindruckenden Garten in diesem extremen Land, das ist schon was. Der Boden hier ist hart wie Stein, die Bäume ringsum verbrauchen alle Flüssigkeit, kleine Pflanzen haben kaum eine Chance, d.h. eine große Vielfalt sieht man hier nicht. Und dann dieser kleine Eden – toll! Ich habe ihm angeboten, ihm bei der Gartenarbeit zu helfen, er schaute skeptisch. Mal sehen.
Was für ein Tag! Viel geschafft habe ich nicht. Morgen will ich Nubeena versuchen, falls hier nicht noch Feueralarm ist und die Straße von Autos wimmelt. Ich gehe immer früher schlafen und stehe mit Sonnenaufgang auf. Schon aus Gründen der fehlenden Elektrizität. Schön ist das. Und überhaupt: es ist total schön hier! Als ich mit S. auf der Terrasse stand heute Nachmittag schaute er so über den Platz und sagte: „What a peaceful place.“











