Sonntag, 29. Oktober 2017

Besucher


Neue Vorhänge
Als ich heute aufwachte, hörte ich dieses Rauschen – das ist so wunderbar. Zum einen der Wind, der durch den Busch geht und dann das Rauschen vom Meer. Mit so einem Rauschen zu erwachen gehört zu dem Besten, was einem beim Aufwachen passieren kann.
Ich habe die Vorhänge vor dem Kleiderregal aufgehängt, leider hätte ich drei kaufen sollen, da habe ich mich verschätzt. Ich nähte eine dritte Bahn aus den Resten, die ich unten abschneiden musste, das geht eigentlich ganz gut. Dann habe ich Holz geholt, da fiel mir wieder das platte Rad der Schubkarre in die Augen. Also machte ich es los, was bedeutete, völlig verrostete Schrauben loszuwinden, ohne passenden Schraubenschlüssel, sondern nur mit Zange und Fingern. Dann war das Rad los. Aufpumpen konnte man es nicht, weil das Ventil im Inneren verschwunden war. Also dachte ich natürlich sofort: S. soll es richten.
Ich packte es in eine Tasche und schleppte es hoch, aber S. war nicht zu sehen und ihn im Haus aufstören wollte ich nicht. Ich trug das Rad zurück und begann selber, mit drei Schraubenziehern und Gewalt den Mantel abzuhebeln, was mir auch gelang. Der Schlauch war schlapp, aber schien kein Loch zu haben. Ich machte einen halbherzigen Versuch, den Mantel wieder drüberzuziehen, das Ventil diesmal an der richtigen Stelle, aber es war unmöglich. Ich ließ es liegen für S.
Als ich den Ofen fütterte sprang zwischen den Scheiten ein huntsman von kleinerer Statur hervor und landete in der Asche im Ofen. Es ist nicht zu sagen, wer von uns beiden sprachloser war. Nach einem Moment der Besinnung rannte und hampelte er heraus aus dem Ofen und saß geschockt auf dem Küchenboden, dann zappelte er weiter. Ich sah mich nach einem Glas um und fing an, ihn zu verfolgen. Er machte zwar Pausen, aber immer, wenn ich das Glas über ihn stülpen wollte und noch überlegte, wie ich das hinkriegen soll, ohne ihm einen Fuß einzuklemmen, rannte er weiter. Zum Glück Richtung Fenster. Ich brauchte das dann nur noch etwas hochzuschieben, da wischte er hindurch und nach draußen. Kluger huntsman!
Da sah ich S. den Weg vom Garten hochkommen und stürzte hin, um ihn zu holen. Er kam bereitwillig, um mir bei dem Rad zu helfen. Er lobte mich fürs Auseinandernehmen: „You 've done well!“ Dann quälten wir gemeinsam den Mantel wieder drüber über das Rad, es brauchte tatsächlich zwei Leute dafür, allein hätte ich es nie geschafft. Ich lud ihn dann auf einen Tee auf die Terrasse.
Er sagte, in Hobart gibt es tatsächlich europäische Vögel wie die Amsel und andere. Die halten sich in den Gärten auf, in denen europäische Pflanzen wachsen. Da kann man in ein und der selben Straße einen australischen Garten mit australischen Vögeln und einen europäischen mit europäischen Vögeln sehen und hören. Das ist schon was Seltsames, hier in Australien – es ist ein Land, dem Europa irgendwie übergestülpt ist, das aber auch noch eine Art Eigenleben hat.
Mein Vogelbad fand er gut, meinte aber, wenn es näher am Busch stünde, würden sich die Vögel sicherer fühlen. Mal sehen. Ich war überrascht, wieviel er mitkriegt von dem, was ich hier mache, er schaute sich um und sagte: ah, das hast du gemacht, das hast du gemacht... das ist sehr nett. Dass ich jetzt Kettensägen will fand er bedenklich. Ob H. mir alles erklärt hätte? Auch, wie die Säge an einem bestimmten Punkt zurückspringt? Vielleicht sollte ich nochmal eine Stunde bei ihm nehmen.
Die verrosteten Schrauben kriegt man mit Öl wieder hin, was tatsächlich stimmte.
Ich fragte ihn dann noch über seine Familie aus, d.h. Vater, Mutter, Bruder und Schwester und erzählte von unserer. Es war gar nicht schwierig, er ist eigentlich ziemlich offen.
Kaum war er weg kam C. - ein deutscher Chemiker mit wilden, grauen Locken und Sonnenbrille -  mit einem halbwüchsigen Sohn und großem VW-Bus. Er überreichte mir eine Tasche mit selbstgebrautem Bier und einen Spiegel-Bestseller-Roman, total nett. Ich lud sie auf die Terrasse, aber er wollte nur kurz bleiben. Der Sohn blieb im Auto sitzen, aß Chips und las ein Buch, C. und ich blieben am Auto stehen und dann legte er los zu erzählen.
Er ist im Grunde ein alter Hippie – hat in Spanien gelebt, kann Feuerspucken, ist viel gereist – er sprach ohne Punkt und Komma ca. eine Stunde lang, trank dabei eine große Flasche Bier und rauchte eine dünne, selbstgedrehte Zigarette. Ein Päckchen Tabak kostet hier irgendwas Aberwitziges wie 70 Dollar oder so, ich konnte es gar nicht glauben.
Er möchte das Haus hier in der Nachbarschaft gerne kaufen, was nur scheitern würde, wenn sie zuviel verlangen. 270.000 Dollar ist seine Schallgrenze. Die Preise hier sind schon irre, das meinte er auch: „Das sind ja gar keine richtigen Häuser: da haust du vier Pfähle in die Erde, machst Bretter drum und ein Wellblech drauf – das ist schon alles!“  H. hat damals für dieses Haus 70.000 Dollar gezahlt, das war eine gute Investition. Bei so einem Haus sind dann hier im Busch auch ein paar Hektar Land dabei.
C. warnte auch vor dem Roaring Beach, er sagte, es gibt so ein Sicherheitsranking für australische Strände von 'Ganz sicher' = 0 bis 'Total gefährlich' = 10 und der Roaring Beach hat eine 7. Dann erzählte er mir noch seine sämtlichen Meer- und Strömungsabenteuer, und das waren nicht wenige.
Später stellte sich heraus, dass sein Bier das Beste ist, was ich je im Leben getrunken habe. Fruchtig und bitter zugleich, einfach richtig, richtig gut.

Wallaby, in die Betrachtung seines Schwanzes versunken.


Jetzt habe ich frei und bin aller Pflichten ledig. Die Sonne scheint und ich glaube, ich gehe mal rüber zum Meer.

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