Heute regnet es. Ich war eben oben bei S., er lud mich ins Haus ein, auf eine cup of tea.
Sein Haus, an dem er seit über zwanzig Jahren baut, ist rund und besteht aus einem einzigen Raum mit Wänden aus dicken Steinquadern (von denen S. sagte, heute könnte er die nicht mehr heben), Holzdach und vielen Fensterfronten. In der Mitte ist eine Art Mulde, umgeben von einer niedrigen, dicken Balustrade aus Ton, in die an einer Stelle ein Ofen eingelassen ist und ein runder Trog für Feuerholz. Es gibt überhaupt in dem Haus keine Kanten oder scharfen Ecken und nur eine rechtwinkligen Mauerecke, aber selbst dort hat er die Kante abgerundet. In diesem mittleren Rund steht ein Sofa, mehrere Sitzkissen und sein Fernseher. Darum herum zieht sich nach rechts leicht ansteigend ein Weg aus Natursteinfliesen (Steine vom Strand) hoch in eine zweite Ebene mit wunderschönen alten Holzdielen, die insgesamt vielleicht einen Meter höher liegt als die untere Fläche mit dem Sofa. Alle Materialien sind gebraucht aus alten Häusern geholt. Dort sind in zwei Fensterfronten Ruhebetten eingelassen, es stehen Regale und andere Möbel. Umkreist man dann weiter die Ruhe-Insel in der Mitte passiert man rechter Hand das Bad, den Kellereingang und gelangt zu Kochecke und Spüle, wo auch der Schreibtisch steht. Überall gibt es große Fensterfronten, vor dem Küchenfenster ist eine Holzterrasse, von dort schaut man den Berg runter in den Wald. Von hier führen drei Stufen wieder runter zur Eingangstür. Auf der Terrasse hat er auf einem Pfosten eine Wasserschale angebracht für die Vögel, mit einem schönen Ast zum Sitzen. Das Wasser muss er manchmal zweimal täglich erneuern, weil sie soviel baden, die Vögel. Er kann am Schreibtisch sitzen und ihnen zuschauen. Sowas will ich auch hier haben, vor der Terrasse. Mal sehen.
Sein Bett steht auf einer dritten Ebene, einem hohen Podest über der runden Sitzinsel, das hauptsächlich auf einem gewaltigen Balken aus einer Werft in Hobart ruht. Auf dem Balken hat man riesige Schiffe ins Wasser rutschen lassen.
Und darüber laufen zirkuszeltartig die Balken in der Mitte zusammen, allerdings ist das Dach nicht einfach gerade wie ein Pilz, sondern es neigt sein Haupt in eine leichte Schräge – S. konnte es nicht kompliziert genug haben. Und er hat für jeden Balken der Dachkonstruktion extra anderes Holz verwendet, damit es keine zwei gleichen Balken gibt. Es gibt lauter Extravaganzen dieser Art, ich muss es mir mal genauer ansehen. Dieses Haus ist unglaublich. Inspiriert hat ihn das Buch „Dr. Doolittle“, da gibt es eine Schlange, die so rund liegt, ich muss das mal recherchieren. Er hat fast alles allein gemacht, in kleinen Schritten. Ich werde ihn später mal fragen, ob ich es fotografieren darf.
Er hat jetzt einen Auftrag von dem Skulpturenkünstler auf dem Nachbarberg, der will von ihm ein Mal-Atelier gebaut haben. Fängt er auf seine alten Tage noch das Malen an, wie nett! S. will diesen Sommer mehr hier in seinem Haus, der Werkstatt und dem Grundstück arbeiten und nimmt nur ganz kleine Aufträge an, sagte er. Er hat ein paar Stammkunden und über Mundpropaganda kriegt er immer wieder neue Angebote und kann es sich aussuchen, was er macht.
In den nächsten Tag kann ich S. im Garten helfen, dann kriege ich Gemüse. Ich habe noch genug hier, aber es macht sicher Spaß, dort was zu machen und ich hoffe, ich lerne was.
Während ich weg war, hat jemand auf das Fußteil meines Liegestuhls gepisst. Diese kleinen Mistviecher, die Possums. Ich dachte, sie seien tagsüber nicht aktiv, aber scheinbar beobachten sie mich. Sie markieren so ihr Revier.
Im Klohäuschen war heute ein huntsman. Ich habe nichts gegen sie, ich schätze, sie essen viele, viele Insekten, so groß wie sie sind. Sie wirken immer ein bisschen kopflos wenn man sie aufstöbert, ich wollte ihn rausscheuchen und er hastete hin und her und sah nicht die offene Tür. Schließlich machte er sich mit einem Schlag winzig klein und drückte sich durch ein Loch nach draußen! Erstaunlich.
H. hatte erzählt, als er noch neu hier war fuhr er über eine lange Brücke, die zwei Inseln verbindet und klappte, da die Sonne schien, die Sonnenblende runter. Das hätte er nicht machen sollen: es fiel ihm ein huntsman von gewaltigen Ausmaßen in den Schoß, denn diese Tiere lieben die Wärme hinter den Sonnenblenden. Er hatte noch nie einen gesehen und schrie wie am Spieß, machte eine Vollbremsung und stürzte aus dem Wagen – hinter sich einen gewaltigen Stau verursachend. Sofort eilten besorgte Tasmanier zu Hilfe und er musste sich viel Hohn und Spott gefallen lassen, wegen seinem Tussie-Verhalten. Ich glaube, es wurde sogar in der Zeitung erwähnt.
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| Busch hinterm Haus. |
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| Mein braves Auto. |
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| Mein Sitzsack. |
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| Luxusbett mit Panoramafenster. |
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| Treppenhaus. |
Jetzt liege ich oben auf meinem Luxusbett und schaue durch die Panoramafenster über die Wälder, wo vom Meer her Wolken aufziehen und neuen Regen bringen, dann reißt der Himmel auf und die Sonne scheint kurz. Für Nubeena bin ich zu müde, ich ruhe und lese und bastle einen Lampenschirm aus Naturmaterialien. Irgendwann fange ich dann mit Meditationen und Yoga etc. an, momentan will ich noch Ferien. Das klingt total esoterisch, merke ich grade. Werde ich auf meine alten Tage noch esoterisch? Nach all der Aufklärung, die die MVHS an mir vollbracht hat? Eigentlich will ich lesen – bin auf Homo Deus von Harari umgestiegen - aber ich glaube, ich gehe lieber ein bisschen Holz hacken, in dieser Regenpause. Obwohl da jetzt sicher die verdammten Blutegel lauern, die natürlich begeistert vom Regen sind... vielleicht doch lieber lesen.
Ich konnte dann doch nicht widerstehen und habe noch etwas Holz gehackt. Die Blutegel-Memmen ließen sich nicht blicken. S. kannte das Problem mit den Äxten. Die für das harte Holz heißt blockbuster, sagte er.
Später lag ich oben auf meinem Bett und schaute nur raus, ich hatte gar kein Bedürfnis, irgendwas anderes zu tun. Der Himmel veränderte sich ständig, das Licht wechselte, die Wolken bildeten immer wieder neue Formationen, in der Nähe verdunkelten sich die Wälder allmählich, die in der Ferne, Richtung Meer, nebelten sich milchig ein. Ich merke, dass ich die allermeiste Zeit hier mit bloßem Schauen verbringen. In den Wald schauen, aufs Meer schauen, aus dem Fenster schauen – die Aussicht von hier ist wie Kino. Ich schaute, bis es dunkel wurde, dann ließ ich mir ein Bad ein, machte das Licht aus und schaute weiter: in den Sternenhimmel. Was für ein Schauspiel! So einfach, wie geheimnisvoll und gewaltig. Still und schön.
In Tasmanien gibt es, so habe ich mal gelesen, die sauberste jemals auf der Erde gemessene Luft. Auch das Wasser gehört scheinbar zu dem besten auf der Welt.







