Freitag, 10. November 2017
Gartenarbeit
Heute nun die rettende SMS: ich kann mein Notebook woanders laden und tat es sofort. Was ein Glück! H. und D. schrieben, ich soll am Wochenende nach Hobart kommen, es ist Salamanca-Market (wöchentlicher Markt, eine Touristenattraktion) und sie gehen surfen. Aber mein etwas desolater Steißbeinzustand wird mich doch noch hier festhalten, ich fahre nächste Woche.
D. schrieb, die Kindergruppe – sie macht einen Waldkindergarten – hat beim Spielen am Bach eine riesige Tigersnake gesehen. Ich vermute, die gehört zu den besonders giftigen, Kinderfressenden Schlangen hier. Tasmanische Eltern haben es gerne wenn ihre Kinder lernen, in Gesellschaft von hochgiftigen, Kinderfressenden Schlangen ganz entspannt zu spielen, deshalb hat D. eine lange Warteliste für ihre Gruppe.
Später:
Nach dem Mittagessen holte S. mich ab, zur Gartenarbeit. Es war ideales Wetter heute: Sonne, ein bisschen Wind, aber dort unten ist es geschützt. Sein Garten ist einfach ein Schmuckstück: vieles wächst in Beeten, einiges wächst aber auch, wo es will und er lässt es. Er hat sich seine Gartenkenntnisse über Bücher und übers Radio angeeignet: Samstagvormittag spricht irgendein Peter seit über 40 Jahren über Gartenarbeit in Tasmanien. Man kann dort auch anrufen und Fragen stellen, was S. auch öfter gemacht hat, wie er stolz gestand. S. im Radio! Das meiste ist aber ausprobieren, weil jeder Garten anders reagiert. Er tauscht sich mit einem anderen hier aus, dessen Garten viel näher an der Küste ist, der hat ganz andere Bedingungen: der Boden ist viel sandiger und er hat mehr Frost, es wachsen andere Sachen dort.
Ich fragte, für wen die Schüssel mit Wasser ist. Er sagte, seit letztem Jahr brütet eine Ente bei ihm im Garten, am Zaun versteckt, im Gebüsch. Letztes Jahr sah er die Ente dann plötzlich mit zehn Entenküken am Zaun langmarschieren, er wusste das garnicht, dass sie ein Nest bei ihm hatte. Jetzt hatte die Ente ein Problem: sie selbst konnte ja rausfliegen, die Kleinen aber nicht. Also öffnete er ihnen das Tor. Dieses Jahr kriegen die Kleinen Wasser hingestellt, sonst würden sie ihre sichere Kinderstube in dem geschützten Garten nicht überleben. Die Tierwelt hält einen auf Trab. Sie wollen bei uns mitmachen, unsere Vorteile nützen, aber dann übersehen sie die Gefahren.
S. freute sich, als ich ihm von meinen ornithologischen Studien erzählte. Das Problem sei, sagte er, dass man die Vögel entweder sieht oder hört, aber selten zusammen. Wenn seine Äpfel oder Erdbeeren reif sind – alles, was rot ist – muss er Netze drübermachen, sonst holen sie es ihm weg. Nicht die Aprikosen, die sind gelb und ihnen egal. Einmal hat es so ein Kakadu geschafft, unter das Netz von den Erdbeeren zu kriechen und kam nicht wieder raus, er verstrickte sich im Netz. Es war sehr schwierig, ihn zu befreien: „He didn't give up without a fight“, sagte S.. Er musste ihm mit einem Stock den Kopf runterdrücken, so sehr wurde er attackiert von dem Vogel.
Ich holte weitere Informationen ein: die Wunderbank ist von S. (2), dem Surfer, der hier gegenüber auf dem Berg wohnt. Er ist die drei Sommermonate über in Europa, ansonsten hier. Er arbeitet für Red Bull, die Surf-Wettbewerbe veranstalten und er fährt dann das Boot mit den Fotografen durch die Wellen oder ist beim Rettungsdienst.
Und die barfüßige Frau im Supermarkt ist K.. Sie und ihr Mann lieben das Wasser, schwimmen, tauchen, segeln, paddeln etc., sehr nette Leute. Ihr Mann ist schon älter, an die 80, aber stark.
Ich jätete wieder Unkraut, aber länger als eine Stunde ließ er mich nicht, dann bekam ich Gemüse in die Hand gedrückt und musste gehen.
Ich ging rüber zur Bank. Es weht ein heftiger Wind, aber ich merkte: die empfindliche Stelle sind die Ohren. Ich hatte den wunderbaren, breitkrempigen Hut auf, den A. mir geschenkt hat, und ich band mir ein Tuch drum, das die Krempe runterdrückte über meine Ohren. So konnte ich gut dort sitzen und lesen. Das Meer brandete und orgelte, es ist jedesmal anders. Diesmal drückte ein Teil der Wellen von der rechten Seite, nach links rein in die Brandung, die geradeaus auf den Strand donnerte, was ein ziemliches Gewühle ergab. Und dann wieder färbte sich das Wasser bis zu einer bestimmten Linie gelb vom Sand, das verschwand nach kurzer Zeit wieder. Wellen beobachten, das ist etwas, für das man hier viel Zeit einplanen muss.
Ich habe den Harari (Homo deus) ausgelesen! 540 Seiten! Jetzt gehe ich meine Aufzeichnungen nochmal durch. Ich bin gespannt, ob ich mir da wirklich was angeeignet habe. Kritisch angeeignet habe, mit eigenen Gedanken und so.
Jetzt koche ich Nudeln, dazu gibt es Salat aus S.s Garten und eine Tomatensoße von den Hausfrauen aus Nubeena. Danach geht es wieder raus: Disteln aushacken. Wir Landleute, wir haben niemals Ruhe. Erst wenn die Sonne weg ist fallen wir totmüde ins Bett.
Ich habe noch, weil es so schön windstill war, den – gefühlte - drei Meter hohen Berg Unkraut verbrannt mit einem Feuer, das – gefühlte - sechs Meter hohe Flammen schlug. Ich bewachte es tapfer und warf immer neues Unkraut darauf, bis alles weg war. Dann wartete ich noch lange bei der Glut.
Ich dachte an den Wombat, den ich länger nicht mehr gesehen hatte. In dem Moment zockelte er in ein paar Metern Entfernung an mir vorbei – ungeachtet meines Feuerzaubers und auch ungeachtet meiner Person. Seine Art, mich nicht zu beachten, hat schon etwas Kränkendes, das muss ich ehrlich sagen. Aber es ist natürlich besser als die aufdringlichen Blutegel.








