Samstag, 11. November 2017

Sommer

White Beach, Brother and Sister.
Heute ist Sommer. Ich hatte im Internet die Vorhersage angesehen: bis Dienstag oder Mittwoch ist Sommer. Schon in der Bücherei hörte ich die ganze Zeit eine Amsel – hier sagen sie blackbird – singen, das ist ja wohl das Schönste, was es gibt auf der Welt. Eine Amsel die singt! Das macht mich fertig.

War wieder im Supermarkt, dann im Op-Shop (Hausfrauenladen), wo man mir an der Kasse einen kleinen Fetzen Papier in die Hand drückte und mich mit einem unverständlichen Wortschwall aufforderte, meine Telefonnummer daraufzuschreiben und ihn dann durch einen Schlitz in einen kleinen Karton zu stecken. Ich starrte alle sprachlos an, die um mich herumstanden: zwei Kundinnen, zwei Shop-Hausfrauen und sagte dann, dass ich aus Deutschland sei und nichts verstanden hätte und in Roaring Beach wohnen würde und kein Telefon dort hätte. Großes allgemeines Palaver: „I now where that is“, sagte eine und die andere legte mir tröstend die Hand auf den Arm: „Don't worry about the number.“ Und die andere hob das Kästchen hoch worauf ein Zettel klebte, dass es eine Tombola sei und ich 25 $ gewinnen können. Oder – rief die eine aufgeregt – einen Friseurtermin! Zu Haus! Man schlug vor, dass ich Horsts Nummer angebe, aber ich sagte, er wohne in Hobart. Sie verstanden, dass ich nicht wolle und entließen mich. Nur die eine rief noch hinter mir her: „A hair-dresser!“
Ich suchte wieder den White Beach – wieder verfuhr ich mich. Ich fand aber eine Halle, wo sie anscheinend Obst und Gemüse verladen und draußen eine Art Automat stand, eine riesiger Glasschrank mit Fächern, in denen offensichtlich Tüten mit Obst und Gemüse war und man musste Geld einwerfen, soviel konnte ich beim Vorbeifahren sehen. Das will ich mir mal genauer ansehen, sollte ich es jemals wiederfinden.
Wie auch immer, ich fand, ich weiß nicht wie, dann doch den Strand, hatte aber blöderweise keinen Hut dabei! Richtig blöd ist das! Sowas darf einem hier nicht passieren. Ich setzte mich in den Schatten der Büsche auf die Stufen zum Strand und las meine Mails.
Das ist dort mal eine friedliche Angelegenheit, unglaublich. Im Vergleich zum Roaring beach, meine ich. Zwei Großeltern waren mit ihrer Enkelin dort, dann kam noch ein älteres Paar mit dickem, weißem Foxterrier, ansonsten nur Stille und Sonne und weißer Sand und seichtes Geplätscher. In der Ferne dunsteten Brother and sister und dahinter das Festland. Rechter Hand ein Bootsanleger, ein kleines Motorboot machte sich los und tuckerte in die weiße Weite. Der kleine weiße Hund stapfte unschlüssig im Wasser und überlegte, ob er sich von dem Plätschern provozieren lassen solle zur Wellenjagd, aber es lohnte sich nicht, entschied er und schaute, ob er Frauchen und Herrchen provozieren konnte zu irgendeinem anderen Unfug. Auch hier trugen Großvater und Enkelin Wetsuits, als sie ins Wasser gingen. Ich werde das demnächst mal testen.
In der Bücherei fragte ich die nette Bibliothekarin, wo man hier im Ort Wein oder Bier kaufen kann (bottleshop) und sie sage, es gäbe nach dem Ortsausgang noch einen zweiten, größeren Supermarkt und daneben sei ein bottleshop. Sowas! Ich fuhr hin und fand es auf einen Schlag. Der bottleshop war voller, voller Wein, unglaubliche Mengen an Wein. Tasmanien hat ja eigene Anbaugebiete. Natürlich astronomische Preise. Ich kaufte ein Sonderangebot: zwei Flaschen zum Preis von einer, d.h. 14 $. Und fragte den netten Ladner, was denn das beste australische Bier sei. „Aah!“ rief er, stürzte hinter der Theke hervor zum Kühlschrank und zeigte es mir. Es stand dort in Vierpacks für 16 $, eine Flasche 4 $. Nach seiner Meinung sei es das Beste und ich kaufte es. Ich trinke hier wenig Alkohol, aber weil man ihn so schwer kaufen kann, entsteht da irgend ein Druck, welchen da zu haben. Der Ladner fragte, ob ich rumreise, ich erklärte ihm die Lage und er strahlte, dass ich dann ja wiederkommen werde, was ich versprach.
Ich fuhr in der Abendsonne nach Hause. Unterwegs im dichtesten Wald steht ein Schild: „Achtung  Fußgänger und Radfahrer!“ und ich hatte H. gefragt, wieso. Er wusste es nicht. An diesem Tag ging genau an dieser Stelle eine Frau mit einem Hund den Weg entlang! Kein Radfahrer, aber immerhin: eine Fußgängerin. Die von der Gemeindeverwaltung hier wissen was sie tun: kein Schild zu viel, aber auch keines zu wenig!







Ein Schiff!
Zu Hause packte ich die Einkäufe weg – ich hatte  u.a. im Op-Shop dicken Stoff zum Verhängen der Eingangstür bei Sturm gekauft – nahm eine Flasche kostbaren Bieres und ging im WINDLOSEN Abendsonnenschein rüber zum tobenden Strand zu meiner Bank. Was für ein Genuss, dort zu sitzen und ein Bier zu trinken. Ich kann nie lesen, weil die Wellen einfach zu faszinierend sind, aber so ganz ohne Wind ist es dort oben so wunderschön, das einem nichts fehlt. Noch besser wäre, ich wäre Raucherin, das würde gut dort hinpassen in windlosen Momenten, aber dann wäre ich sicher schon pleite.
Der Horizont bildet da, wo das Festland aufhört, eine feine, fast nicht wahrnehmbare Linie. Dort geht es so unendlich weit weiter, dass man still und klein wird, auf seiner Bank. Es geht zum Südpol, quasi ins Nichts. Es gibt soviel Nichts auf der Erde, man vergisst das so schnell im allgemeinen Getümmel.
Auf dem Weg zurück – es traf mich völlig unvorbereitet: eine AMSEL! Sie SANG! Nur an einer Stelle, je tiefer ich in unser Tal kam, desto mehr übernahm das Geschrei der großen Australier den Luftraum, kein Gesang mehr. Aber vielleicht kommt das jetzt noch, wenn es wärmer wird.
Im Supermarkt war ein Ständer mit Weihnachtskram, was mich irritierte, dann fiel es mir wieder ein: Dezember! Weihnachten! S. hatte neulich gesagt, und er bekam Tellergroße Augen dabei: es könnte hier sogar im DEZEMBER schneien. „So what?“ hatte ich gedacht, aber man muss es ja umdrehen: der Dezember entspricht dem Juni, d.h. ich bin jetzt im Mai (der Oktober entsprach dem April). Abgesehen davon, dass die Jahreszeiten hier quasi stündlich wechseln können, weil wir eine Insel sind.
Mein anderer Nachbar war da, sein Hund bellte und er stand auf dem Balkon und telefoniert, was ich im Vorbeigehen durch die Büsche sah. Ich wagte nicht, einfach hinzugehen, aber das muss ich wohl mal machen. In der örtlichen Zeitung werben viele Wandergruppen um Mitglieder, auch Singen kann man in verschiedenen Orten der Peninsula, da muss ich mich irgendwann mal reinhängen. Noch habe ich nicht den Überschwang. Habe nun mit Reiner Stach: Kafka angefangen und genieße Stachs subtile, intelligente und humorvolle Art, diesen komplizierten Menschen einzukreisen. Wobei ich innerlich natürlich selbst immer kafkaesker werde, aber das Risiko muss ich eingehen.
Heute ist jedenfalls Sommer, ich konnte am Morgen um 7 Uhr schon barfuß und im Schlafanzug draußen rumlaufen und die Fliegen versuchten, ins Haus einzudringen. Ich wette, es werden Surfer kommen, das schaue ich mir nachher an.
Ich will nachher die Terrasse weiterölen und mich nochmal an das Holz machen. Lauter angefangene Projekte und nichts geht vorwärts! Blöder, blöder Sturm! Er hat mich um WOCHEN zurückgeworfen!

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