Montag, 27. November 2017

Housebuilder


Gestern hatte ich S. gefragt, wer eigentlich dieses Haus gebaut hat und er hatte mir von einem B. erzählt, ein Mann mit nur einem Bein. Der hatte es gebaut und nach und nach erweitert, als er hier mit einer Frau lebte und die dann ein Kind bekam. Sie zogen später weg, aufs Festland, jetzt ist er geschieden und zurück und lebt wieder hier.
Heute saß ich lesend hier, als ein Auto hochfuhr zu Steve und nach kurzer Zeit hörte ich Stimmen und S. kam mit einem einbeinigen Mann den Weg runter – es war B.! Ein total netter Typ, der sehr spannend von seinem Leben erzählte. Mit 19 hatte er einen Motorradunfall und verlor ein Bein knapp über dem Knie. Dann zog er mit einem Sack Kartoffeln, einem Sack Zwiebeln, einem Gewehr und 50 $ hierher, lebte erst in einem Zelt, dann in einer Hütte und ernährte sich von Kaninchen, Kartoffeln und einer kleinen Versehrtenrente. Als irgendwann sein 10-jähriger Sohn zu ihm ziehen wollte, fing er an, dies Haus zu bauen. Später kam seine zweite Frau und bekam ein Kind und er erweiterte das Haus, baute das obere Stockwerk und ein Bad. Es zog sich ewig hin, er baute alles ohne irgendein anderes Hilfsmittel als Muskelkraft, keine Elektrizität, keine Motorsäge. Als es fertig war, verkaufte er es an Horst und sie gingen weg, betrieben  eine Schaffarm in Queensland. Jetzt ist er geschieden, lebt die Hälfte der Zeit in Launceston und die andere Hälfte auf einer kleinen Yacht, die in Hobart liegt.
Es war sehr nett hier mit den beiden zu sitzen und sie von ihren australischen Abenteuern erzählen zu hören. Jagdabenteuer... Wie B. mal in der Dämmerung ein Kaninchen schoss und dann – ich habe nicht verstanden, warum – die Krücken weglegte und hinrobbte, um es zu holen und die schnell einbrechende Dunkelheit unterschätzt hatte und dann ganz lange seine Krücken nicht mehr wiederfand in schwärzester Nacht und dichtem Gebüsch.
Oder wie S. in seiner Hütte schlief als mitten in der Nacht sein Hund auf sein Bett sprang. S. hörte etwas rascheln und dachte, es sei eine Ratte,  und er forderte den Hund auf, sie zu verjagen. Der stürzte los und da begann ein Teufelstanz, denn ein panisches Opossum raste über Tisch und Wände und auch über ihn, den S., weil hinter ihm das Fenster war und er konnte grade noch die Hände vors Gesicht reißen, sonst wäre es ihm mit seinen starken Krallen darübergelaufen und er schleuderte es durch die Hütte und der Hund war außer sich und alle drei regten sich schrecklich auf.
B. erzählte von der Hitze auf dem Festland – unglaubliche Temperaturen: an manchen Tagen gingst du die Wäsche aufhängen und wenn du zurück im Haus warst, warst du so nassgeschwitzt, dass ein Eimer Wasser dich nicht hätte nasser machen können, während die Wäsche schon trocken war . Oder er arbeitete auf dem Bau oder so und nahm sieben Liter Wasser mit und während er arbeitete lief kontinuierlich in Strömen der Schweiß an ihm runter und tropfte und tropfte, und er hatte bis 11 Uhr das Wasser getrunken und musste aufhören – es war einfach zu heiß. Ein halbes Jahr lang gibt es kein Tropfen Regen. Dann regnet es los und zwar so, dass du keine fünf Meter weit mehr sehen kannst. Und dann wächst alles wie verrückt, das Gras wird einen halben Meter – alles ist ungeheuer extrem. Er hat auf einer Farm gelebt, wo er über vier Stunden Fahrt hatte zum einkaufen in den nächsten Ort und auf dieser ganzen Strecke begegnete ihm kein einziges Auto. Mein Traum.
Ich weiß allerdings von H., dass es dort so richtig, richtig große Monstertrucks gibt, so groß wie in Europa die Eisenbahnen und extrem schnell. Wenn du so einen im Rückspiegel siehst, dann musst du von der Straße runter, anhalten und warten, bis er vorbeigedonnert ist und hoffen, dass der Fahrtwind dein Auto nicht umwirft. Das ist auf den großen Fernstraßen. Die müssen, bevor sie in eine Stadt kommen, eine Stunde vorher das Bremsen anfangen, glaube ich.
Ich zeigte B. noch das Haus. Die Tür zum Bad hat er aus irgendeinem ganz, ganz alten Haus geholt, das muss eines der ersten gewesen sein, die hier in Tasmanien gebaut worden sind, die Gründergeneration.
Und er sagte, auf dem Berg gegenüber sei eine Höhle, die könnte ich leicht finden. Ich bin ja nicht so der Höhlentyp, aber das verschwieg ich.




Später beschloss ich mich, ein bisschen zu wandern. B.hatte so entschieden und enthusiastisch davon erzählt, wie er damals hier alles erkundet hat, da fühlte ich mich geradezu verpflichtet, da mal mit anzufangen. Es fing nach zwei Minuten leicht an zu regnen, aber ich kannte ja die tasmanische Weisheit: Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten. In diesem Fall aber hätte ich fünf Stunden warten können, es regnete einfach weiter. Ich stapfte einmal quer über den Berg, dann stapfte ich zurück. Und ich tat gut daran, denn kaum war ich im Haus, brach draußen geradezu ein Regeninferno aus! Wolkenbruch ist eine Verharmlosung. Ich hatte endlich mal wieder den Ofen an und machte es mir gemütlich. Hier ist doch immer was los: mal scheint die Sonne, mal regnet es, dauernd passiert was Neues.



Toter Baumriese.




Wallaby im Regen.


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