Ich vertiefte mich immer mehr in diese wunderbare Kafka-Biographie und arbeitete mal überhaupt nichts. Der Reiner Stach ist wirklich ein wunderbarer Autor, ich muss so lachen immer wieder. Z.B. eine Episode über Werfel:
Den Vogel aber schoss Werfel ab, der – was Kafka aufrichtig ärgerte – seit Jahren allerorten Die Verwandlung pries, die er doch nur vom Hörensagen kannte und um deren Manuskript er sich auch als Lektor bei Kurt Wolff niemals gekümmert hatte. Jetzt endlich, nachdem die Erzählung im Druck erschienen war, hatte er die Lektüre nachgeholt und war fassungslos. Er begriff, dass er Kafka, diesen schmalen Schatten hinter Max Brod, unterschätzt, ja völlig verkannt hatte. Und das wollte, das musste er ihm sagen, um alles wiedergutzumachen. Aber wie lobt man den Schöpfer eines solchen Textes? Werfel, ohnehin zum Pathos neigend, griff voll in die Tasten. Und er erzeugte ein Geräusch, das Kafka bis ins Mark dringen musste. Jenem ewigen, an der eigenen Sonne schmelzenden Jüngling, dem alles zuzufallen schien, ausgerechnet ihm, bar jeder Menschenkenntnis, gelang der absurdeste, unschuldigste, roheste, wahrste Lobesbrief, der Kafka in seinem Leben zuteil wurde:
„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich erschüttert bin, übrigens hat durch Sie meine Sicherheit einen heilsamen Stoß bekommen, und ich fühle mich (Gottseidank!) recht klein.
Lieber Kafka, Sie sind so rein, neu, unabhängig, und vollendet, daß man eigentlich mit Ihnen verkehren müßte, als wären Sie schon tot und unsterblich. So etwas fühlt man sonst bei keinem Lebenden.
Was Sie in Ihren letzten Arbeiten geleistet haben, gab es wirklich vorher noch in keiner Literatur, nämlich mit einer runden speziellen fast realen Geschichte, etwas allgemeines, sinnbildliches, von der ganzen Menschheit aus Tragisches darzustellen. Aber ich drücke mich ganz dumm aus.
Alle Menschen, die mit Ihnen beisammen sind, müßten das wissen, und Sie nicht wie einen Mitmenschen behandeln.
Ich danke Ihnen tief für die Ehrfurcht, die ich für Sie hegen darf.“
Eigentlich schon tot. Kein Lebender. Jedenfalls kein Mitmensch. Geahnt, gefürchtet hatte das Kafka schon immer. Jetzt hatte er es schriftlich.Der Werfel, der hat es einfach drauf.
Da es windstill war konnte ich den Einbruch der Dunkelheit in der Hängematte draußen erwarten, während ich Gerhaher hörte: Nachtviolen. Das ist das angemessene Programm für einen Sonntag in Tasmanien, während der Himmel langsam ins Dunkle wechselte und anfängt, sich diese unglaublich strahlende Sternenpracht überzuziehen, die auf mich immer noch fast unnatürlich wirkt in ihrer Klarheit, fast wie die Videoleinwand in einem Observatorium.
Ein Wallaby graste seit dem Nachmittag ums Haus, dessen Junges immer wieder den Beutel verließ. Es erinnerte mich sehr an den kleinen Orang-Utan im Tierpark Hellabrunn: total dünn, nur Haut und Knochen und zwei riesige Hinterläufe und Ohren. Es hüpfte wie ein Gummiball um die Mutter herum, wenn es sich aufrichtete, schwankte es noch etwas und es verschwand immer wieder im Beutel. Alle Tiere kratzen sich immerfort, auch das Kleine, sie müssen sehr unter Ungeziefer leiden, die Armen.
Bin spät am Abend nochmal ans Meer, das ohne Wind und bei milden Temperaturen so aussah, wie ein Urlaubsmeer und sich auch so benahm.





