Samstag, 4. November 2017

Stuuuurm

Ich habe ewig lang geschlafen. Wegen der Kälte holte ich das dicke Daunenbett wieder raus, das ich schon weggepackt hatte. Es ist so schwer, dass man darunter platt liegt wie eine Flunder. In der Nacht hörte ich es heftig schütten und dachte besorgt an mein Holz. Ich muss es abdecken.
Heute will ich nach Nubeena, ich werde den Supermarkt und den Hardware-Shop aufsuchen – ganz neue Herausforderungen. Aber erst am Nachmittag, wenn die Library geöffnet hat.

Dieses sehr leckere Sauerkraut kaufte ich.

Neue Stapel.


Chaos.

Am Abend:
Die Sonne scheint, aber das ist trügerisch. Heute Nachmittag fuhr ich extra früher nach Nubeena mit der Absicht, mich vor Öffnung der Bücherei noch an den White Beach zu setzen. „Ha!“, sage ich da jetzt, durch Erfahrung klug geworden: „Ha!“
Ich bog grade falsch in die Einfahrt beim Supermarkt ein (die Zufahrt zum Tankstellenparkplatz ist Einbahnstraße), war besorgt von Einwohnern zurückgewinkt worden, hatte dann richtig eingeparkt, da ging ein Wolkenbruch los, der seinen Namen verdiente. Das Wort "Regenschauer" gewinnt hier die gesamt mögliche Dimension, die das Wort umfassen kann - und die ist gewaltig. Sie beinhaltet heftiges Reißen des plötzlich aufkommenden Windes an allem, was nicht niet- und nagelfest ist zusammen mit peitschendem Regen, der ohrenbetäubend auf Dächer trommelt und in plötzlichen Böen gegen die Fenster klatscht, wenn man das Glück hat, innerhalb eines Autos zu sitzen. Das Wort 'Regenschirm' verliert hier jede Bedeutung. Die Einwohner tun so, als würden sie nichts bemerken, aber ich blieb festgeschweißt im Wagen sitzen und staunte. Nach einer Weile stürzte ich rein in den Supermarkt. Mein Erscheinen rief keine besondere Aufmerksamkeit hervor, es war ein ganz normaler kleiner Supermarkt, ich kaufte ganz normal ein. Den kroatischen Besitzer, der Deutsch kann, sah ich nicht. Eine Kundin mit wilden, grauen Rasterlocken und unkonventioneller Damenoberbekleidung stand BARFUSS vor den Regalen. Ich war fassungslos. Wenn meine Schuhe mehr Raum hätten, hätte ich mindestens vier Paar Socken an statt der zwei – barfuß! Leider hatte ich meine Liste im Auto gelassen, so kaufte ich zwar allerhand Schönes und Nützliches ein, aber nichts von dem, was auf der Liste stand. Das nächste Mal.

Ich fuhr dann noch zu dem kleinen Gemeinde-Hausfrauen-Markt, dem Op-Shop, oben am Sportplatz. Der hat freitags auf und Samstagvormittag und dort verkaufen Hausfrauen gebrauchte Sachen, selbstgemachte Marmelade oder Eingelegtes, Gemüse, Blumen. Ich kaufte eine wunderbare Heckenschere, ein Prachtexemplar,eine Königin ihrer Zunft. Ein Hemd zum Arbeiten, Orangenmarmelade, Tomatensoße, ein Weinglas (in diesem Haushalt gab es nur eines), ein Schraubglas, anderen Kram für den Haushalt, Kartoffeln und Zwiebeln. Die Dame an der Kasse geriet in Stress wegen der Abrechnung und musste zweimal nachrechnen. Dann tippte sie es in die Kasse ein, da kam wieder eine andere Summe raus. Die nahmen wir dann, weil es eine runde Zahl war: 30 Dollar.
Außerdem war ich noch im Hardwareshop,eine Art landwirtschaftlicher Krempelladen mit Zapfsäule. Total nette Leute drin. Ich erstand Bohraufsätze für die Bohrmaschine, da meiner rechtwinklig abgebogen war. Die Frau fragte, ob ich wieder so einen abgebogenen haben wollte oder einen graden. Dann diskutierte ich noch länger (ich DISKUTIERTE!) mit dem Besitzer, ob der Bohraufsatz ohne Spitze genauso gut für Holz geht, wie der mit Spitze, den ich eigentlich wollte, sie aber nicht haben. "Wo kriegt man sowas? In Sorell?" hatte ich die Frau gefragt. Sie sagte: "Weiß ich nicht, ich kaufe nie in Sorell ein." Das ist der nächste größere Ort! Unglaublich, sie fährt nie aus Nubeena weg?! Jedenfalls überzeugte mich der Mann, dass das geht mit dem Bohrer und ich kaufte ihn. Ich machte dann noch einen Gang durch diesen Laden, in dem sich eine kleine Auswahl an Werkzeugen lose mischte mit Kinderschuhen, Wärmflaschen, einer Strandmatte, Töpfen, Schnüren und undefinierbaren landwirtschaftlichen Bedarf - Hardware eben.

Dann kam ich grade bei der Schule an, als die nette Bibliothekarin das Schild raushängte: "Library open!", unterstützt von einem charmanten Junglehrer. Sie grüßte freudig, schloss mein Notebook ans Internet an und ich saß wieder hinten und kämpfte mit dem Blog. Wieder kamen die beiden Schwestern, die auch beim letzten Mal da waren, zwei ausgesprochen hübsche, rothaarige Mädchen, die sich total schüchtern an mir vorbeidrückten und flüsternd ihre Auswahl berieten. Ansonsten blieb es diesmal relativ still, bis auf die, in regelmäßigen Abständen heranpreschenden Regenmassen, die sich wild trommelnd auf das Dach warfen. Irgendwann war nur noch eine Kundin dort und ratschte leise mit der Bibliothekarin und immer wieder brachen sie in lautes Lachen aus.

Ein bisschen traurig fuhr ich nach Haus, dieses Wetter deprimiert mich. Irgendwie isoliert einen die Kälte, finde ich. Unterwegs warf ich meinen kleinen Müllsack in die halbleere Tonne von Peter Adams, dem Künstler. Ich begegnete einem der Anwohner, kam gut an ihm vorbei und wir grüßten nett. Als ich ankam brach grade wieder so ein Regensturm los - es ist einfach heftig. Dieses Wetter kommt ungebremst übers Meer, da ist kein Halten, es ist orkanartig, wenn auch schnell wieder vorbei. Ich hastete ein paarmal zwischen Auto und Haus hin und her.
Dann heizte, heizte und heizte ich. Hemmungslos. Kochte eine schöne Spargelsuppe. Saß mit Wärmflasche, Schaffell und Decke gewappnet und schaute eine DVD. Die Eingangstür hatte ich mit einer Decke verhängt, weil der Wind da so durchfuhr. Es ist eigentlich ganz gemütlich, aber wenn ich daran denke, dass die Menschen allen Ernstes so gelebt haben: in diesen einfach Holzhäuschen jahrein jahraus,im Kampf mit den Naturgewalten, den gefräßigen Wildtieren, dem dürren, harten Boden hier... das ist einfach schwer vorstellbar. Sie haben sicher Radio gehört, sind Sonntags nach Nubeena in die Kirche, ab und zu auf eine landwirtschaftliche Schau oder einen Markt - hier ist ja NICHTS. Die paar Läden, die Bücherei, vielleicht gibt es einen Gemeindesaal, wo sich ein Chor trifft. Aber rundherum ist Wald, Wald, Wald. Von der wilden, undurchdringlichen Sorte. Und das Meer ist von der wilden Sorte. Und das Wetter sowieso.

Reeeeegen.


Die Nacht war wolkenlos, erhellt von einem Vollmond, der die Landschaft in ein weißes Licht tauchte, mit tiefschwarzen Schatten.
Ich muss unbedingt mit der Kettensäge anfangen, ich werde bald mal einen Baum zerlegen müssen. Dies ist ein Sommerhaus, es besteht aus Fenstern und dazwischen Bretterwände, da hält sich keine Wärme, so sehr ich auch heize. Zum Glück kann ich mich zum Lesen unter Decken verkriechen. Ich trage drei Pullover übereinander, zwei Hosen und drei Paar Socken. Dabei waren es mal über 30 Grad hier...

http://linde127.blogspot.de/2016/12/street-view.html Weiter