Ich musste meinen Freitagstermin in der Bibliothek auf heute Vormittag vorverlegen, weil morgen Nachmittag ja diese Party bei Peter Adams ist, dem Künstler. Als ich die Autotür öffnete, saß schon wieder der kleine Huntsman da, der offensichtlich in dem Dichtungsgummi der Tür lebt, diesmal war ich aber schneller, stieß ihn aus dem Auto, stieg schnell ein und knallte die Tür zu. Schön ist das nicht und einen Huntsman im Auto leben zu haben ist sicher gut wegen der Insekten, die er fängt, aber trotzdem bleibt einem ein Gefühl von Unbehagen. Es kann ja sein, dass so eine Spinne während der Fahrt kommunikationsbedürftig wird, ein bisschen auf einem herumkrabbeln möchte, ein bisschen kuscheln oder sowas, ein Netz in meinen Haaren spinnen – lieber nicht.
Meine Bibliothekarin war gesund und wieder da, wie schön! Die Schule wird grade ausgebaut, die Bücherei ist in einem Bretterverschlag-Provisorium neben dem Büro und dem Lehrerzimmer. Das hat den Nachteil, dass die Lehrer, die so gegen halb 11 Uhr Pause haben, einen fürchterlichen Lärm veranstalten. Na, gut, jetzt ist sie eh erstmal eine Woche geschlossen, im Januar kann ich wieder hingehen. Hier sind Ferien bis Mitte Februar, glaube ich.
Ich fuhr zum Supermarkt und diesmal stand der kroatische Besitzer an der Kasse und er, nachdem er mich zwei Sätze hat reden hören, sprach mich auf Deutsch an. Ich stellte mich als H.s Schwester vor. Er erzählte, er habe 13 Jahre in der Schule Deutsch gelernt und dann ausgerechnet in Vienenburg bei Goslar ein halbes Jahr gelebt! Dort, wo ich nach dem Abi ebenfalls ein halbes Jahr auf eine Haushaltsschule ging, um Kochen und sowas zu lernen. Direkt an der Zonengrenze, irgendwo im Harz, ein winziges Kaff! Das ist schon verrückt – da treffe ich in einem der sicher abgelegensten Supermärkte der Welt jemand, der in einem ebenfalls völlig abgelegenen Ort in Deutschland gelebt hatte, so wie ich damals. Vielleicht gibt es so eine Art Naturgesetz: diejenigen, die einmal in einer abgelegenen Gegend gelebt haben, werden ihr Leben lang in solchen Regionen leben und dann logischerweise dort auf die anderen treffen, die ebenfalls unter dieses Gesetz fallen. Das erscheint mir von bestechender Schlüssigkeit.
Ich kaufte für die Party Kirschen, Ananas und Kekse. Man bringt hier das Essen und die Getränke zu den Partys selber mit, das ist so üblich. Ich tauschte im Hardwareladen noch meinen neuen Tucker um, dem ein Teil fehlte, es war kein Problem. Dann leistete ich mir noch ein paar wunderbarer lederne Anti-Distel-Arbeitshandschuhe. Damit hatte ich alle Pflichten erledigt und fuhr gutgelaunt nach Hause. Und – man glaubt es nicht, aber es ist wahr – kaum eine halbe Stunde, nachdem ich wieder auf der Terrasse saß donnerte der TRUCK auf dem Weg vorbei: einmal hin und kurze Zeit später wieder zurück! Ich war ihm um HAARESBREITE entkommen!
Der Tag war wieder stürmisch – S. hatte gesagt, dass es der Wind ist, der die meisten Leute in Tasmanien zermürbt. Wind ist was Anstrengendes, das muss ich sagen. Ich wartete am Nachmittag auf S., der mit mir die Distelplage in Angriff nehmen wollte, aber er kam nicht. Also ging ich ans Meer, wo sich kein Lüftchen regte! Das Meer donnerte prächtige, riesige Wellen in langen Reihen an den Strand und ich genoss den Frieden der Windstille auf meiner Bank. Auf dem Heimweg berauschte ich mich ein wenig an der Amsel, die tatsächlich jeden Abend so wunderbar dort singt, es ist zu schön. Nach dem Essen machte ich bis zur Dunkelheit, die zur Zeit so gegen halb 10 beginnt, noch Holz, weil es hinter dem Haus auch schön windstill ist. Jetzt höre ich ihn draußen toben, den Wind, das Haus ächzt und knirscht, wenn er es erfasst. Fast hätte ich Lust, den Ofen anzumachen, aber es ist zu spät, ich gehe gleich schlafen.







