Samstag, 23. Dezember 2017

Tennisparty

 Heute Morgen erwachte ich von einem Geräusch ganz besonderer Art: Windstille. Hat er sich ausgetobt in der Nacht? Oder lauert er hier hinter dem Berg darauf, dass ich den schützenden Raum der Terrasse verlasse? Grade drängt sich die Sonne durch die Wolken, die Grillen zirpen um mich herum und die großen Vögel sind ungewöhnlich schweigsam. Das merke ich schon seit einiger Zeit. Wahrscheinlich sind sie alle mit Brüten und Kindererziehung beschäftigt.
Ich hatte mich grade rausgesetzt, da kam S. mit seiner Giftspritze und ich bekam einen Distelvergiftungs-Schnellkurs. Eine Distel erzeugt, nach seiner Berechnung, zehn andere. Es sind europäische Gewächse, die wir bekämpfen, sie sind härter und aggressiver als die australischen. Wir schauten uns am Creek unten um, wo sie wachsen, und S. begann ein bisschen unsystematisch zu spritzen. Ich ging heim und holte mir die Spitzhacke – zwei Stunden hackte ich die Biester aus, ich war TOT. Allein diese Hacke hochzuheben ist schon eine Gewaltakt, schwer wie sie ist. Aber irgendwie schien mir die Lage doch nicht so hoffnungslos, wie anfangs gedacht. Das Grundstück wird geteilt durch einen Weg, der zu dem Nachbarn führt, bis dorthin hackte ich. Dann ging ich, noch immer gut gestimmt, rüber zu dem nächsten Teil. Das hätte ich bleiben lassen sollen. Ich hatte bis dahin vielleicht dreißig oder vierzig Disteln ausgehackt, keine Ahnung, dort aber: HUNDERTE. Riesige Monsterdisteln, zum Teil schon in voller Blüte... Sie wuchsen zwischen Gestrüpp und inmitten der anderen Distelkolonien (es gibt zwei Sorten hier). Je weiter ich zur Grundstücksgrenze kam, des ungenierter breiteten sie sich aus. Dagegen habe ich keine Chance, da brauche ich gar nicht erst anzufangen, dann würde ich meine Tage nur noch mit Distelhacken verbringen. Und dann macht der Creek einen Bogen nach links, dort hört H.s Grundstück schon auf, glaube ich, dort sah ich FELDER von lila Blüten, so wie riesige Lavendelfelder oder sowas, und ich ging hin und sah es mir an: Distel an Distel. Nicht die Monsterdisteln sondern die kleinere Sorte, die sich über Wurzeln verbreitet, aber es sah erschreckend aus. Sie gehören hier nicht hin! Es hat was von einer Naturkatastrophe.


Nach dem Mittagsschlaf holte S. mich ab und wir fuhren zu Peter Adams, was ca. 15 Minuten (langsame) Fahrt sind. Er hat vor 25 Jahren oder so ein riesiges Grundstück, einen Berg, direkt am Meer gekauft für irgendeinen Spottpreis und jetzt ist es Millionen wert. Zwei Teile hat er  verkauft an reiche Leute, die sich dort Häuser hingebaut haben mit phantastischem Meerblick. Er lebt von diesem Geld und macht Holz- und Steinskulpturen, die mir total gut gefallen, was ich davon sah.
Die kleine Party mit ca. zehn Leuten fand in der Hütte an seinem Tennisplatz statt – ein Tennisplatz mit Blick auf das Meer und Roaring Beach und dahinter Bruny Island und das Tasmanische Festland. Es waren lauter Leute aus der unmittelbaren Nachbarschaft da: die Frau, die sich hier um verletzte Tiere kümmert, die auch die Waltouren begleitet von Pennicott. Die Wale sind aber schon länger weg, sie kommen zurück, wenn ich gehe. Ihr Mann war da, einer von der lauten, rotgesichtigen Sorte, der ein Rentiergeweih trug und sich den ganzen Nachmittag krakeelend gab, aber total nett schien. Dann ein Amerikaner mit einer riesigen Kamera (lag nie in meiner Reichweite und blieb daher unzerstört) und einer Drohne, der mir sogleich einen Martini mixte. Seine Frau war da und dann die beiden Frauen, die ganz oben auf dem Berg das Haus haben, zu dem ich von meiner Bank immer rüberschaue. Und das Paar, dem der Schrank unten an der Straße gehört, in den sie Eier  zum Verkauf legen, wenn sie welche übrig haben.



Peter Adams spielte schon wieder Tennis in kurzen Hosen mit zwei superlangen Narben über den Knien: vor sechs Monaten hat er das erste künstliche Gelenk bekommen, nach drei Monaten das zweite. Er muss einen großartigen Arzt hier in Hobart haben.
Der Nachmittag verlief mit Tennisspielen, Trommeln, ein bisschen Baseball und viel Geplauder. Alle hatten leckere Sachen zu Essen mitgebracht, es fehlte an nichts. Ein kleiner Hund war da, der unentwegt alle belagerte, die irgendwas zum Mund führten. Er sprang auf meinen Schoß als er merkte, dass ich die Stelle am Rücken kenne, wo Hunde gekratzt werden wollen, weil sie selber da nicht hinkommen.









S. ging mit mir den Skulpturenpfad ab, den Peter angelegt hatte. Er übertrug die Entstehungsgeschichte der Lebewesen auf der Erde auf Entfernungen in Metern und an jedem wichtigen Punkt stand neben einer Erklärungstafel eine Skulpturenbank aus Stein und Holz. Die fand ich wirklich wunderbar: das Holz war meist wellig geformt und darin eingelassen waren runde oder eiförmige graue Steine vom Roaring Beach unten, die man herausnehmen konnte. Wunderbar zum anfassen war das, die von der Sonne gewärmten Steine, das weiche Holz. Er war damit mal bei Lonely Planet aufgeführt, aber dann kamen so viele Leute, dass er es wieder löschen ließ. Ich darf aber nochmal wiederkommen, zum fotografieren.
Als der Abend kam fing es an mich anzustrengen zu versuchen, der Unterhaltung zu folgen. S. saß an den Trommeln und ich fragte eine Frau (Name vergessen), ob sie mir den Weg zum Strand zeigt, was sie tat. Es stellte sich heraus dass sie es war, die mit ihrer Familie H.s Haus gemietet und hier eine zeitlang gewohnt hatte. Sie ist jetzt Masseurin, hat viel zu tun, hat sich auf Krebskranke und Sterbende spezialisiert, was sie wunderbar findet. Ich war so glücklich, endlich mal mit jemand REDEN zu können, es war ein schöner Abschluss. Sie lud mich ein, auf einen Kaffee vorbeizukommen.


Unterwegs begegnete mir ein Wallaby mit einem Kleinen, das nicht im Beutel saß. Die Mutter sprang an mir vorbei den Berg hoch, aber das Kleine verlor den Anschluss und saß nun vor mir auf dem Pfad und schaute mich mit großen Augen an. Ich trat beiseite, aber es traute sich nicht an mir vorbei. Schließlich musste ich ganz weg ins Gestrüpp gehen, dann hopste es wie ein kleiner Gummiball den Berg hoch und war wieder bei Mama. Total süß.










Und dann war ich endlich am Strand unten und es war so überwältigend! Der Sonnenuntergang – dramatisch inszeniert mit einzelnen Strahlenbündeln auf Bruny Island, mit dichtem Wolkengestöber und enormen, gichtsprühenden Wellen, ich ging über den weißen Sand und fühlte mich so befreit und glücklich, das ich lauthals singen musste. Das ist schon was Besonderes: ich gehe von einer Party weg nach Haus und nicht zur nächsten U-Bahn-Haltestelle sondern durch etwas, was wie die Kulisse einer Wagner-Oper aussieht und sich auch so anfühlt und es ist einfach nur mein Heimweg.

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