Sonntag, 31. Dezember 2017

Käfer

Ich habe fast 10 Stunden geschlafen, ich war total erschöpft. Es stürmt und regnet, so war das angekündigt für heute. Ich sitze drinnen, lese die Kafka-Biographie – das erste Mal wieder seid einer Woche! - und tanke Stille.
Ich muss nachher zu S. hoch, er soll sich den Wassertank mal anhören. Ich habe dran geklopft und mir erscheint er völlig leer. Dann sehe ich alt aus, wenn H. nicht herkommen kann mit der neuen Pumpe, um ihn wieder vollzupumpen. Dann muss ich nach Nubeena fahren und Wasser in Plastikflaschen kaufen. Aber letzten Endes fügt sich das nahtlos in mein Leben: kein Telefon, keine Fotos für den Blog, die Bücherei hat geschlossen und dann auch noch kein Wasser. Ich werde vertrocknen wie der Käfer in „Die Verwandlung“.
Die Geschichte habe ich grade nochmal gelesen – es ist so genial, wie Kafka schreibt, ich kann das kaum fassen. Er braucht eine ganze Seite in dem Buch nur um zu beschreiben wie Gregor, der in einen Käfer verwandelte Sohn, der zum Entsetzen der Familie sein Zimmer verlassen hatte und ins Wohnzimmer eingedrungen war, sich umdreht, um zurück in sein Zimmer zu kriechen.
„Aber Gregor fiel es doch gar nicht ein, irgend jemandem und gar seiner Schwester Angst machen zu wollen. Er hatte bloß angefangen, sich umzudrehen, um in sein Zimmer zurückzuwandern, und das nahm sich allerdings auffallend aus, da er infolge seines leidenden Zustandes bei den schwierigen Umdrehungen mit seinem Kopfe nachhelfen mußte, den er hierbei viele Male hob und gegen den Boden schlug. Er hielt inne und sah sich um. Seine gute Absicht schien erkannt worden zu sein; es war nur ein augenblicklicher Schrecken gewesen. Nun sahen ihn alle schweigend und traurig an.“
Das ist so herzzerreißend traurig und lächerlich zugleich. So eine absolut jämmerliche Gestalt, wie dieser Käfer ist, so ungeschickt, so umständlich, so unnütz und lästig sah sich Kafka als (einziger!) Sohn dieser Familie. Und er fasst das in ein derartig drastisches Bild, worin sowohl seine Wut sich ausdrückt über die Grausamkeit, die in dem Unverständnis und der Fremdheit seiner Familie liegt und gleichzeitig versteht er sie und identifiziert sich mit ihnen gegen sich selbst. Und dann gibt es noch eine grobe, Türenknallende Zugehfrau, die ihn mit neugieriger Verachtung behandelt hatte und am nächsten Tag, als er tot ist, befriedigt im Müll entsorgt mit ihrem großen Besen. Kafka muss immer wieder großen Spaß gehabt haben, beim Schreiben.

Meine Güte, ich habe den kompletten Tag lesend und schlafend verbracht, ich bin richtig, richtig erschöpft.  Es scheint zwar immer wieder die Sonne, aber der Wind ist die meiste Zeit so heftig, dass ich nicht rausgehen mochte. Es war sehr schön, sich einfach so treiben zu lassen.
Einmal ging ich raus, weil der Wind das Schutzblech vom Holzstapel an der Werkstatt weggeweht hatte, da sah ich die Schlange vor ihrer Mauer vor der Werkstatt in der Sonne liegen. Sie hatte ihren Körper sehr elegant zu einer halben Spirale aufgerollt und starrte mich nun reglos an. Sie hat diesen seitlichen Vogelblick, die Vögel und die Schlangen stammen ja vom selben Tier ab, das sieht man, finde ich. Ich betrachtete sie lange und sie mich, dann ging ich ins Haus und schaute durchs Fenster zu ihr raus. Sie rollte sich grade nochmal neu zu einer kompletten Spirale, was wunderschön aussieht, wie sie so in sich selbst gleitet. Am Ende sah sie so bequem und zufrieden aus wie Lucy, wenn die sich auf dem Sofa zu einer Kugel rollt. Ich bin froh, sie hier zu haben, denn sie halten die Ratten und Mäuse in Schach, die Schlangen.


Leider brachte ich die Motorsäge nicht in Gang, so sehr ich mich auch mühte. Sogar die Zündkerze trocknete ich mal ab, aber es gelang nicht. Das ist frustrierend, aber meine neue Leichtbau-Hacke hat sich schon hervorragend bewährt, ich kann sie überall mit hinnehmen und jede Distel aushacken, die mir in die Augen fällt. Und auch bei den Büscheln am Outsleeper habe ich meine Hacktechnik perfektioniert, so dass es weniger mühsam ist. Ganz ohne Erfolge ging es also auch heute nicht ab, aber viel habe ich nicht gemacht, vielleicht starte ich morgen wieder richtig los, mal sehen.










War noch bei S. oben: seine Mutter ist eine Woche zu Besuch, eine nette, alte Lady, die gemütlich mit hochgelegten Füßen vor dem Fernseher saß, während S. in der Küche werkelte. H. hat bei ihm angerufen um mitzuteilen, dass er mein Mobile gefunden hat. S. wird sich morgen den Wassertank mal ansehen.

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