Samstag, 2. Dezember 2017

S2

Ich habe den zweiten Band der Kafka-Biographie ausgelesen. Sein Tod war schlimm: die Tuberkulose hatte auf den Kehlkopf übergegriffen und das hieß, er würde ersticken müssen. Seine Freundin Dora und der junge Robert Klopstock waren bei ihm – er war in Österreich – um ihn zu pflegen. Klopstock studierte Medizin und hatte ihm versprochen, ihm eine Überdosis Morphium zu geben, wenn es so weit war. Natürlich wollte der dann doch nicht, aber Kafka setzte es durch und starb schnell, ohne allzu große Quälerei. Das war im Juni 1924, vierzig Jahre war er alt.
Am allerschlimmsten war das letzte Kapital, wo Stach auflistete, wo all die Menschen, die in Kafkas Leben eines so große Rolle gespielt hatten, verblieben sind. Viele sind geflohen, seine Eltern starben eines natürlichen Todes noch vor all dem, was dann kam, aber seine Schwestern starben in Auschwitz und Chelmno, seine ehemaligen Freundinnen in Auschwitz und Ravensbrück, sein Neffe im KZ in Frankreich, Ernst Weiß brachte sich in Paris um etc., die Liste ist lang. Wenn man über 600 Seiten lang verfolgt hat wie sie lebten, ihre Probleme, ihre Erfolge, die Sorgen und das Glück, ihre Pläne und Ziele und dann dieser Tod - es ist ungeheuerlich. Kein noch so krasser Antisemitismus, dem die aufkommenden Demokratien damals ganz neue Spielräume öffnete, konnte sie auf sowas vorbereiten. Das sowas möglich war.
Grade die jüngere Schwester Ottla, die für Kafka absolut überlebenswichtig war und seine größte Stütze, sie sprang in jede Bresche, die sich für ihn öffnete, verhandelte mit seinen Chefs bei der Versicherung wegen seiner zahlreichen Kuren und Urlaube, verteidigte ihn gegen die Eltern, korrespondierte mit seinen Freundinnen und überließ ihm ihr heimlich gemietetes Refugium zum Schreiben. Sogar als sie selbst schon einen Mann und zwei Kinder hatte, nahm sie ihn mit in die Ferien und reiste zu ihm, wenn er in Not war. Und dann, nach all den Komplikationen, ihrem Kraftaufwand, ihrem selbstlosen Einsatz, da findet sie ein derart brutales Ende. Das ist so surreal, dass es im Grunde nicht zu begreifen ist.


Später:
Der Surfer (S2) war da – das ist ein total lieber Typ! Riesig groß und schlaksig, mit einer dunklen Löwenmähne und einem Rauschebart bis auf die Brust fuhr er mit seinem altmodischen, roten Geländewagen vor, an dessen Motorhaube ein Fahrrad befestigt war. So um die dreißig ist er wohl, lebt seit sieben Jahren hier und arbeitet einen Monat im Jahr in Europa, bei den Surf-Meisterschaften in Deutschland und Dänemark. Und bei den Surf-Weltermeisterschaften hat er Jobs. Den Rest der Zeit scheint er hier auch ein Builder (Hausbauer) zu sein, ich muss nochmal genauer fragen.
Er lebt genau gegenüber: die Kuppe von dem Berg gehört ihm. Dort hat er eine ganz kleine Hütte, wo im Sommer auch seine Freundin mit ihren beiden Kindern lebt, im Winter sind sie in Nubeena. Er schläft in einer Höhle mit Blick übers Meer. Er lud mich ein zu einem Barbeque heute, was mich in Teufels Küche bringt. S. hat ihm gesagt, er sei heute schon in Hobart und geht nicht hin, ich muss gleich mal rüber und ihn fragen. Im Dunkeln da den Weg suchen auf den steilen Berg mir gegenüber, durch den Wald, um mich dort lauter fremden, Englisch sprechenden Menschen zu stellen, das ist wahrscheinlich mehr, als ich schaffen kann. Ich bereitete ihn darauf vor, dass ich es wahrscheinlich nicht kommen werde, er mich aber bald mal besuchen soll oder ich hinkomme. Tagsüber. Wenn es HELL ist. Mal sehen.
Er sagte, er sei es gewesen, der den kleinen Weg auf den Klippen rüber zur anderen Bucht freigeschnitten hätte, weil sie dort zum tauchen hingehen. Und dort sei kürzlich ein Paraglyder abgestürzt, beide Fußgelenke gebrochen, einen Arm, den hätten sie dann mit einem Hubschrauber geholt, der auf der Weide landen konnte, wo ich kürzlich war. S2 ist hin, weil er mal Sanitäter war und helfen konnte und das mit dem Hubschrauber hat ihn beeindruckt.
Dort bei der anderen Bucht, wo ich ganz oben auf den Felsen lauter Muscheln fand, war wohl mal ein Versammlungsplatz der Aborigines, deshalb die Muscheln. Darüber würde man hier aber nicht sprechen, aus Angst, dass hier rudelweise Anthropologen einfallen könnten.

NasserWombat.


Später:
Ich bin zu S., der wollte hin zum Barbeque, hätte auch sein Fleisch mit mir geteilt (man bringt das selber mit zu sowas), aber mir was das doch zuviel dann. Ich ließ mir die Nummer von S2 geben, sagte per SMS ab und er antwortete nett „Kein Thema“. So sind die jungen Leute, so unkompliziert. S2 erinnert mich sehr an Hraban, den Sohn von A.
Ich hackte noch ein bisschen Gras, wühlte den nassen Boden auf – „Wie ein Wombat“, sagte S. und fuhr zu dem Barbeque - und ich legte mich dann, da ich heißes Wasser en masse hatte, eine Stunde in die Badewanne, während der Regen auf das Fenster über mir trommelte.

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