Montag, 4. Dezember 2017

Sturmtief

In der Nacht wurde es laut und lauter draußen, ich konnte nicht unterscheiden, ob die Bäume oder der Regen rauschten, es pfiff und trommelte und dröhnte – ich machte mir schlaftrunken Ohropax rein und schlief unruhig weiter. Morgens sah ich das Desaster. Man könnte, spaßeshalber, Regensturm dazu sagen, so aus Übermut und guter Laune heraus. Aber ich bin nicht übermütig und gut gelaunt. Es tobt ein nicht nachlassender heftiger Wind der den dichten Regen gleichzeitig in alle Richtungen treibt, die Bäume runterdrückt und hochreißt, der das Wasser überall hinpresst: meine Sachen auf dem Stuhl am Fenster waren nass, im Bad die Ablage und auf der Terrasse schwimmt alles in Wasser. Und die ganze Sache da draußen lässt nicht eine Sekunde nach.
Un. Ent. Wegt. Sturm. Der sich hin und wieder zu etwas steigert, was die Nachrichtensprecher als „Orkanartige Böen“ zu bezeichnen pflegen.
Ich habe hastig den Ofen angemacht, wir nähern uns der 12-Grad-Grenze. In einer Stunde holt mich S. ab, wir fahren nach Hobart. Ob S2 jetzt gemütlich in seiner Höhle liegt? Ich rannte zum Auto um Zeug rauszuholen, es ist draußen nicht wirklich kalt. Immerhin. Dann nahm ich all die leeren Flaschen, die ich mit nach Hobart nehmen wollte zum Auffüllen und füllte Regenwasser rein. Fünf Eimer hatte ich draußen stehen, das sauberste Wasser der Welt. Wozu welches aus Hobart holen? Immerhin.
D. macht in Hobart ein TAO Lunch & Festivities. Surprise musical performance  from the local talent and other activities. All welcome! Da lerne ich ihre „Tao-Familie“ kennen, die ihr sehr wichtig ist.

Später:
Wir hatten eine schöne Fahrt nach Hobart, ich war total froh, mich einfach mal umschauen zu können und mich nicht aufs Fahren konzentrieren zu müssen.
Als wir an der Tierpflegestation vorbeikamen, wo sie sich um Tasmanische Teufel und verletzte Tiere kümmern, erzählte S., dass er dort mal einen Job hatte. Zu der Zeit hatte er noch seinen Hund, einen Deutschen Schäferhund, und der drang unbeaufsichtigt in eines der Gehege ein, wo ein Baby-Wallaby war und spielte damit. S. wurde aufmerksam, als irgendeine amerikanische Touristin entsetzte Schreie ausstieß, weil sein Hund das Wallaby im Maul hatte. Er stürzte hin, nahm es ihm weg und beruhigte die Frau: alles okay mit dem Wallaby. Sie ging dann und kaum war sie weg, fiel das Kleine tot zu Boden. Er sagte, er hätte das tote Tier seinem Hund um die Ohren gehauen und geschimpft und hat ihn für den Rest des Tages ganz kurz irgendwo angebunden und ignoriert. Danach hat der Hund nie wieder ein Wallaby getötet.
Dann hat er mir von dem fürchterlichen Feuer erzählt, 2013 gab es hier einen riesigen Buschbrand, der außer Kontrolle geriet und Dunally ist abgebrannt. Es starb niemand, aber die meisten Leute verloren ihre Häuser. Man sieht jetzt zwar wieder grünen Busch, aber es ragen gespenstisch die schwarzen Zweige daraus in den Himmel. Dieses Bild von einer Familie, die sich unter einem Steg rettete, ging wohl um die Welt. Schrecklich muss das gewesen sein.


Oben bei S2 lebt einige Monate im Jahr ein Student, der über menschliche Entscheidungen promoviert, wenn ich das richtig verstanden habe. Er befragt die Farmer über ihre Bewässerungsmethoden und wie sie sich jeweils dafür entschieden haben. Und es leben in dem Tal auch einzelne Frauen, habe ich jetzt erst mitgekriegt, eine kümmert sich um verletzte Tiere und wildert sie wieder aus.
Man weiß voneinander, aber, wie S. immer wieder sagt: Nachbarn müssen nicht unbedingt Freunde sein. Teilweise hat man überhaupt keinen Kontakt, obwohl man sich im Notfall helfen würde.

Das Tao-Fest war nett – viele, viele Menschen, was für mich nicht leicht war, aber alle freuten sich immer, wenn ich als H.s Schwester vorgestellt werde. Familienangehörige werden hier gern gesehen. Irgendwann merkte ich, dass ich die Einzige war, die ihre Schuhe anhatte, alle liefen in Strümpfen oder barfuß herum. Eilig riss ich mir die Schuhe runter und brachte sie raus, wo sich schon ein riesiger Berg türmte. Es gab Musik und Essen und viele, viele Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten und am Nachmittag brachen dann alle wieder auf und plötzlich war es leer und still.





Wir erholten uns langsam, dann kam noch eine Freundin von Dr. zurück, die ihre Tasche vergessen hatte, G., eine Psychologin und wir tranken Tee und hatten noch eine sehr interessante Unterhaltung. Sie betreut manchmal Gefängnisinsassen und meint, das Gefängnis in Tasmanien ist total überfüllt. Sie haben hier scheinbar nicht so viel soziale Betreuung für aus der Bahn geratene und sperren sie dann eher weg.
G. meinte, die Peninsula sei was ganz Besonderes und es gäbe dort absolut aufregende Orte, die ich mir unbedingt ansehen müsse. Vor allem so Stellen an der Küste, wo riesige Brecher an die Felsen schlagen und man nur zu Ebbe-Zeiten überhaupt hin kann und schnell vor der Flut wieder weg muss und sowas. Sowas liebe ich ja. Da kann ich gar nicht gut von haben. Nervenkitzel. Toll.

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