Es ist kühl und bedeckt, ich sitze auf der Terrasse und merke, dass ich mich für die falsche Garderobe entschieden habe. Aber ich bin zu faul aufzustehen, um mich umzuziehen.
Ich lerne jetzt häufig englische Vokabeln, es ist ein mühsames Geschäft. „Porch“ heißt Veranda. Wer hätte das gedacht? Wer soll sich sowas merken? So ein unsinniges, abseitiges Wort zu wählen für so etwas Schönes wie eine Veranda! Das macht man doch nicht! Aber sie tun es, die Engländer. Und ich habe den Schlamassel jetzt am Hals, mir das merken zu müssen. Werde ich es jemals in einem Gespräch benutzen? „I was sitting on (on? at? in?) the porch...“? - ich kann es mir nicht vorstellen.
Gestern habe ich S. vorgeschlagen, an dem Lesehäuschen da oben auf dem Berg ein Picknick zu machen, er war einverstanden. Er würde mir dann das Adlernest zeigen, sagte er. Aber sind seine Zusagen zuverlässig? Vergessen tut er nichts, aber mit der Umsetzung sieht es anders aus, die fiel schon einige Male unter den Tisch bislang.
Aus reinem Übermut versuchte ich nochmal die Motorsäge anzuwerfen. Es ist regelrecht erschütternd, aber ich muss das jetzt so sagen: sie sprang sofort an. Ohne irgendein Gezicke und Geziere: ich zog an der Anlasserschnur und die Säge brach in ihr Brüllen aus. Sofort rannte ich los, das lärmende Monster in der Hand mit dem Gashebel am Leben erhaltend, um ein paar Stämme zu zersägen. Nach dem dritten Block war das Benzin alle. Aber ich war glücklich.
Nach dem Essen tankte und reinigte ich sie und nach einigen Fehlversuchen sprang sie auch da wieder an. Ich ging runter mit ihr zu den Bäumen am Outsleeper und begann, den abgebrochenen Stamm zu zerlegen. S. hatte mich gewarnt davor. Man weiß nie, in welche Richtung das Holz ausweicht, denn da wirken starke Kräfte, die man schlecht einschätzen kann. Jede Veränderung der Lage kann krasse Folgen haben: plötzlich bricht ein Ast ab oder schwingt hoch oder der angesägte Stamm verlagert sein Gewicht unerwartet in eine andere Richtung und klemmt die Säge ein, laute solche Sachen. Ich ging also extrem vorsichtig vor, sägte den Stamm erst von unten an, machte dann von oben einen dreieckigen Einschnitt – trotzdem klemmt er mir dann tatsächlich die Säge ein! Unglaublich. Mit der Aufbietung aller Kraft konnte ich ihn dann so weit anheben, dass die Säge runterfiel, aber es kostete mich Nerven. Immer wieder muss ich das sagen: die Natur! Mann! Die ist so unglaublich kompliziert! Warum kann sie nicht so einfach sein wie ich?
Grade, als ich Kaffeepause machte, kam S. mit seinem Ute, so heißen hier die Nutzfahrzeuge, welche Handwerker und Landleute benutzen, kleine Lastwagen sind das. Seine Mutter war abgereist und nun war er bereit, seinen Auftrag zu beginnen, ein Lüftungsfenster in den Outsleeper einzubauen. Er selbst war es, der das Häuschen seinerzeit gebaut hatte und er wusste, dass in der Wand irgendwo Stahlträger sind. Er fand heraus wo, indem er ein Brett der Verkleidung löste, während ich Tee machte und ihn auf einem Tablett runterbrachte.
Wir machten also erstmal Teepause und besprachen die Lage. Diesen Auftrag und seine Arbeitslage im Allgemeinen. Sie ist gut, denn er hat letztes Jahr genug gearbeitet, um ein halbes Jahr davon leben zu können. Er nimmt zur Zeit nur kleine Sachen an, die ihn nicht unter Druck setzen. Die Leute sind scheinbar immer so zufrieden mit ihm, dass er zu seinen Bedingungen arbeiten kann: z.B. keinen genauen Kostenvoranschlag, nur einen groben Rahmen, nicht mehr als drei Tage die Woche und keine großen Aufträge diesen Sommer, den er hauptsächlich für seine eigenen Sachen verwenden will.
Als er mit den Vermessungen fertig war, fuhr ich mit ihm hoch, um das Kamerakabel auszuprobieren. Naiverweise hatte er ja behauptet, er hätte ein Kabel, das mit Sicherheit passen würde. Ich wusste, dass das nicht sein kann, denn ich hatte in meinem Leben genug Kamerakabel gesehen, aber ich war doch neugierig. Und wieder ein Wunder – erst die Kettensäge, dann das Kamerakabel! Es passte. Wie soll ich je wieder im Leben ohne H. und S. auskommen? Es scheint mir unmöglich. Sie lösen alle meine realen Probleme und irreale habe ich hier nicht. Ein Tag der Wunder.
S. zeigte mir dann noch die Hütte, in der seine Mutter geschlafen hat. Es war seine erste Hütte, er hat zwölf Jahre darin gewohnt und ist zweimal mit ihr umgezogen, d.h. hat sie in der Mitte durchgesägt und an eine neue Stelle transportiert, er zeigte mir die Nahtstellen. Die Hütte ist klein, aber mit vielen wunderbaren Kleinigkeiten, wie z.B.das Holz zusammengefügt ist, der alte Ofen, sogar ein kleiner Erker aus alten Fenstern. Sie ist allerdings überhaupt nicht isoliert und der Ofen ist winzig. Er erzählte von einem Winter, wo es einen dreitägigen heftigen Sturm gab und er die ganze Zeit vor dem Ofen saß, den er alle 15 Minuten neu füttern musste, Brot toastete und irgendeine mehrbändige Fantasy-Saga las, die ihn völlig deprimierte.
Er überlegt, die Hütte schön herzurichten und über Airbnb zu vermieten. Ich glaube, das würde total gut gehen.
![]() |
| S.s Haus von oben. |
![]() |
| Werkstatt. |
![]() |
| Erste Werkstatt von S., Kosten: 8 $ (für das Schloss). |
Mir kommt dieses ganze Gelände mit den Hütten, der Werkstatt, dem Haus, den Bäumen und Plätzen ein bisschen wie eine Zauberwelt vor. Vielleicht, weil S. die Möglichkeit hat, einfach seine Ideen umzusetzen. Er hat die Zeit, die Fähigkeiten, das Werkzeug und – das Land.
Ich habe ihn gefragt, warum er sein Wissen nicht weitergibt, an einen Lehrling oder so, aber er sagte, er sei dann ja verantwortlich, so jemanden immer genug Arbeit zu geben, und das kann er eben nicht. Er ist kein Vollzeitarbeiter, darum kann er kein Arbeitgeber sein. Es ist schade, ich könnte mir gut vorstellen, dass es junge Leute begeistern würde, von ihm zu lernen, mit diesen scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten.
![]() |
| Unser Haus von oben. |
Ich ging dann heim und, obwohl ein hässlicher, feuchter Wind aufgekommen war, sägte ich noch lange Äste klein und begann einen neuen Holzstapel. Irgendwann hatte ich genug und ging ins Haus, da war es schon 20.30 Uhr! Damit hatte ich nicht gerechnet, ich dachte, es sei vielleicht halb 7. Das kommt, weil ich so ewig lang geschlafen habe heute.
Ich machte den Ofen an und ließ mir Badewasser ein. Es war zwar nicht richtig heiß, aber warm genug für ein Bad. Und dann konnte ich endlich die Fotos von der Kamera herunterladen und für den Blog herrichten.















