Samstag, 17. März 2018

Endlich!

Heute ist der Tag, wo ich, nach einem fast sechsmonatigem Aufenthalt, eine Woche bevor ich abreise, ENDLICH das tat, wovor ich mich fast sechs Monate zu sehr gefürchtet hatte, um es zu tun: H und D hatten ihre Body-Boards dabei und ihre Wetsuits und wir fuhren am Nachmittag zum Strand und wir zogen unsere Wetsuits an und wir nahmen die Body-Boards und wir gingen ins Wasser. Ich bekam einige Instruktionen, ich legte mich probeweise auf das Brett, ich fiel sofort runter, aber schon nach kurzer Zeit ging es einfach wunderbar. Das muss man sich mal vorstellen: Sonne, blauer Himmel, ein moderat warmes Wasser und ich stapfe ins Meer hinein, in die Brandung, wo sich vor mir die Wellen aufbauen und brechen, und ich gehe weiter und weiter auf die Brandung zu und warte auf eine richtig große Welle, und wenn sie kommt dann drehe ich mich um und werfe mich auf das Board. Sobald die Welle mich erwischt hat und schieße ich wie ein Pfeil auf dem weißen Schaum des Wassers weiter und weiter bis zum Strand zurück! Ich machte die Erfahrung, dass ich, wenn ich zu viel Gewicht nach vorne verlagere, kopfüber in die Welle kippe, aber es war nicht schlimm.

Es gibt keine Fotos davon, aber es ist tatsächlich passiert. Diese Art Surfen ist richtig kraftraubend, ich spüre jetzt jeden Muskel, aber es ist einfach wunderbar! Diesem Meer so nahe zu kommen, so richtig, richtig nah. Noch Stunden später lief mir, als ich mich bückte, plötzlich Meerwasser aus der Nase. Ich bin total froh, den Bann gebrochen zu haben. Und so ein Wetsuit ist Gold wert, das Wasser dringt zwar ein bisschen ein, wird aber vom Körper sofort erwärmt und man bewegt sich in einem weichen, warmen Kokon, absolut geschützt und sicher. Ich kann ihn leider nicht mit nach Deutschland nehmen, ich habe keinen Platz im Koffer und er ist schwer.

Morgens sind wir tatsächlich so gegen 9 Uhr an den Klippen hinten gewesen, wo dann wirklich hin und wieder großartige Wellenbrandungsspektakel sich entluden und H und D waren beeindruckt. Ich hatte beim Abstieg an einer Stelle mir Lucy von D geben lassen, weil ich schon halb unten war, ging dann rückwärts weiter runter, rutschte aus und stürzte, mit der fassungslosen Lucy im Arm, in die Felsen. Alles ging gut aus, aber das sind so Sachen. „Lebe wild und gefährlich“ sagt Nietzsche, und das taten wir. D und ich stellten uns ganz, ganz nah an den Rand von dem riesigen Loch zwischen den Felsen, in dem das Wasser brodelte und hochkochte, auch wenn wir riskierten, im nächsten Moment von einer Monsterwelle gepackt und verschlungen zu werden auf ewig. So leben wir hier.












 
Wieder zurück diskutierten D und ich bis mittags das Wu-wei-Buch, während H rumbosselte und schließlich hoch zu S ging, um zu schwatzen. Zum Mittagessen holte D beide runter und S fuhr dann mit uns zum Strand. WO ICH INS WASSER GING MIT EINEM BODY-BOARD (siehe oben). Das muss man sich mal vorstellen!

Nach dem Surf-Abenteuer tranken wir noch Kaffee und aßen wunderbaren Kuchen, den D mitgebracht hatte, wobei wir vergeblich auf S warteten, der sich, wie sich herausstellte, mit einem Nachbarn verplaudert hatte. Als H und D weg waren kam er, verschlang den restlichen Kuchen fast vollständig, aber hatte die Größe, dann doch aufzuhören, und wir saßen noch bis zur Dämmerung zusammen.

Er sagt, in Australien bekommt jeder, unabhängig von Vermögen und Einkommen und allem, ab einem bestimmten Alter (früher: ab sechzig! Jetzt eher siebzig oder so) 400 $ in der Woche (1 € = 70 Cent). Also eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Sie sind dabei, es einzuschränken und zu kürzen, weil die Leute einfach zu alt werden und das Geld nicht mehr reicht, aber erstmal muss das ein beruhigendes Gefühl sein: du kannst anständig leben im Alter. Wenn du dein eigenes Haus hast jedenfalls.

In Nubeena gibt es eine kleine Bank, die sich am Gemeinwohl orientiert: sie investiert das Geld, was sie erwirtschaftet, zuerst bis zu einer bestimmten Summe in der Gemeinde, erst danach bekommen die Geldanleger Zinsen. Es hat lange gedauert, bis sie genug Geld beisammen hatten, um zu starten, aber jetzt läuft sie. S hat dort 600 $ investiert.

Über den Roaring Beach sagte er, dass die Gefahrenstufe vielleicht 7 (von 10) ist, aber das sei ein Durchschnittswert, denn es gäbe Tage, da wäre die Stufe nur bei 3 oder so und andere Tage, da ist sie bei 10. Denn der Strand ändert sich ständig: das Wasser drückt herein und bildet dann zwei, drei Kanäle tief unten, wo es wieder rausfließt, mit großer Kraft und Sogwirkung. Wenn du da reingerätst und verlierst den Boden unter den Füßen, dann zieht es dich raus wie nix. Und diese Stellen, diese Strömungen, ändern immer wieder ihre Position.
Einmal sei eine Freundin von so einer Strömung erfasst worden und geriet in Panik. Er sei mit ihr geschwommen, um sie zu beruhigen. Er hätte sie nicht hochhalten können, dafür musste er selber zu viel kämpfen, aber er brachte sie dazu, langsam seitlich rauszuschwimmen, aus dem Sog.
Hin und wieder sind abgetriebene Schwimmer von Surfern zurückgeholt worden, denn die kommen gut damit klar, auf ihrem Brett liegend, und nutzen den Sog, um sich rausziehen zu lassen zu den großen Wellen.
Also: nicht übermütig werden auf den letzten Drücker hier. Wild und gefährlich – aber in Maßen. Spricht die Stimme der Vernunft zu mir. Auf die ich immerzu höre.

S2, dem deutschen Surfer, sei es gelungen, einen Platz in einem Projekt zu bekommen, das im Herbst immer wieder stattfindet: sie fahren mit drei Schiffen die Süd-Westküste entlang, an dem großen Nationalpark (UNESCO Welterbe!), und säubern die Strände von angeschwemmten Plastik. Das dauert wohl eine Woche oder so und ist heiß begehrt, weil man dort sonst nicht hinkommen kann. Es ist eine der Stellen auf der Welt, wo Menschen nur ganz begrenzt Zugang haben, stellenweise überhaupt nicht.

Es ist ein unglaublich warmer, windstiller Sommertag heute, damit habe ich nicht gerechnet, über 27 Grad. Ich sitze um 8 Uhr abends immer noch barfuß draußen auf der Terrasse, werde von Mücken geplagt und sehe aus der Richtung vom Strand die Sonne den Himmel rot färben. Die Grillen zirpen und vom Teich unten höre ich Frösche knarren. Zwei Wallabies kommen vorbeigesprungen, die Vögel sind seltsam zurückhaltend, es ist still in unserem Tal. Altweibersommer.

Jetzt bricht also meine letzte Woche in Roaring Beach an. Etwas Unglaublicheres ist ja wohl überhaupt nicht denkbar. Mein Verstand kann das begreifen, aber der Rest von mir nicht.

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